Neun Quadratmeter und ein schwarzer Ordner
Es gibt Momente im Leben, in denen sich der gesamte Horizont auf wenige Quadratmeter reduziert. Für mich war das im Mai 2011 in der Justizvollzugsanstalt Freiburg der Fall. Zu diesem Zeitpunkt saß ich bereits fünf Jahre hinter Gittern. Mein wichtigster Besitz? Kein Statussymbol, kein teures Auto und keine Rolex. Mein wertvollster Gegenstand war ein dicker schwarzer Aktenordner, der vor lauter Lehrblättern fast aus den Nähten platzte.
Damals besuchte mich ein Reporter des Freiburger chilli Magazins für eine Reportage in meiner Einzelzelle. Das kleine Fenster hoch über meinem Kopf war schwer vergittert, draußen vor der dicken Stahltür patrouillierte ein Wärter. In dieser tristen, von Kälte und Routine geprägten Welt fasste ich einen Entschluss, der mein restliches Leben für immer definieren sollte: Ich werde hier drinnen mein Abitur machen. Und ich werde es nicht nur irgendwie bestehen, sondern exzellent abschließen.
Der Absturz aus der Naivität
Um zu verstehen, wie wertvoll dieser schwarze Ordner für mich war, müssen wir einen Blick auf die Jahre davor werfen. In meinen frühen Zwanzigern war ich extrem naiv und lebte völlig gedankenlos in den Tag hinein. Ich wollte die Welt sehen, suchte den Nervenkitzel und ließ mich als Drogenkurier anheuern. Ich transportierte große Mengen Kokain zwischen Europa und Südamerika. „Wie im Film“, dachte ich damals.
Die harte Realität holte mich am Pariser Flughafen ein. Es ging rasend schnell: Verhaftung, Verurteilung zu vier Jahren Haft in Frankreich. Fast drei Jahre saß ich dort unter unmenschlichen Bedingungen ab. (Mehr über diese brutale Pariser Zeit liefert der Artikel: Führung unter Extrembedingungen: Was das Gefängnis über Krisen-Management lehrt).
Der absolute Tiefschlag kam nach meiner Verlegung nach Deutschland. Ich dachte, das Schlimmste läge hinter mir. Stattdessen stellte man mich erneut vor Gericht. Die harte Erkenntnis: Die in Frankreich abgesessene Zeit wurde nicht angerechnet. Das Urteil: Weitere sechs Jahre und sechs Monate.
Meine damaligen Freunde wandten sich ab. Zurück blieb nur der telefonische und schriftliche Kontakt zu meiner Familie. In exakt diesem Moment der maximalen Isolation hat man zwei Optionen: Man zerbricht vollkommen an der Ausweglosigkeit – oder man fängt an, sich selbst einen Ausweg zu bauen.
Lernen für die Freiheit: Der mentale Ausbruch
Im Gefängnis fehlt oft jegliche Menschlichkeit. Es ist ein toxischer Ort. Um dort nicht verrückt zu werden, stürzte ich mich in die Bildung. In der JVA gab es eine zweijährige Berufsoberschule. Mein Tag begann jeden Morgen um 07:25 Uhr und endete um 15:00 Uhr strikt nach staatlichem Lehrplan.
Im Englischunterricht saß ich in der ersten Reihe. Hinter mir saßen tätowierte Kraftpakete, doppelt so breit wie ich, neben völlig unscheinbaren Männern, die alle auf ihre Weise versuchten, mit der Haft umzugehen. Sobald der Gong ertönte, war es für 45 Minuten wie in einer echten Schule. Das Gefängnis war für diesen Moment ausgeblendet.
Ich fokussierte meine gesamte Energie, meinen Frust und meinen Überlebenswillen auf diesen einen schwarzen Ordner. Ich lernte jede freie Minute in meiner Zelle. Das Resultat dieser absoluten Hingabe? Ein Notendurchschnitt von 1,7. Ich bereitete mich akribisch auf das nächste Jahr und die finalen Abiturprüfungen vor. Mein klares Ziel vor Augen: Raus in die Welt und studieren.
Die Lektion für Unternehmer und Führungskräfte
Heute, viele Jahre später als Executive Mentor, höre ich in Coachings immer wieder die gleichen Ausreden. Unternehmer und Manager klagen über schlechte Rahmenbedingungen. Der Markt sei zu schwierig, die Zeit fehle, das Umfeld sei nicht ideal, die Mitarbeiter seien unmotiviert.
Wenn mir jemand mit diesen Argumenten kommt, denke ich unweigerlich an meine Zelle in Freiburg zurück. Wenn es möglich ist, sich auf neun Quadratmetern bei minimaler Freiheit, ständiger psychischer Belastung und umgeben von Schwerverbrechern einen Notendurchschnitt von 1,7 im Abitur zu erkämpfen – was ist dann draußen in der Freiheit, mit all den Ressourcen einer Führungskraft, erst möglich?
Es geht niemals um die perfekten Umstände. Es geht ausschließlich um den absoluten Fokus auf das, was in der eigenen Kontrolle liegt. Bildung und mentale Weiterentwicklung kann einem niemand nehmen, egal wie hoch die Mauern um einen herum sind. Das war mein erster, echter Schritt in die Executive Self-Leadership. (Passend dazu empfehle ich den Artikel: Radikale Eigenverantwortung).
Fazit
Wir können uns unsere Krisen selten aussuchen. Dennoch können wir immer entscheiden, mit welcher Haltung wir ihnen begegnen. Der schwarze Ordner war mein Werkzeug, um aus der ohnmächtigen Rolle des Häftlings auszubrechen und wieder zum aktiven Gestalter meines Lebens zu werden. Genau diese Transformation ist der absolute Kern meines heutigen Wirkens.




