Schneller anhören spart Zeit. Vertont durch Vavene Vocalis (Marcos KI-Stimme)
0:00 0:00

Der Schock vor dem Ordnerberg

Wer als Unternehmer, Bauherr oder Projektleiter im öffentlichen Raum ein komplexes Vorhaben realisieren will, prallt unweigerlich auf eine Wand aus Paragrafen. Viele Macher reagieren auf behördliche Auflagen sofort mit Frustration, Zynismus oder offenem Kampf. In ihrem Weltbild sitzen in den Ämtern ausschließlich Verhinderer, die Freude daran haben, dem freien Unternehmertum Steine in den Weg zu legen.

Als ich mich in meinem UNCUT-Podcast mit Dr. Rätus Fischer über seine großen Bau- und Koordinationsprojekte unterhielt, zeichnete der 78-jährige Projektleiter ein völlig anderes, hochgradig differenziertes Bild. Nachdem Rätus fast dreißig Jahre lang in den USA gelebt und dort riesige Bewässerungsanlagen für Gewächshausbetriebe gebaut hatte, übernahm er nach seiner Rückkehr in die Schweiz die Gesamtkoordination für ein anspruchsvolles Projekt mitten im Herzen von Zürich: den kompletten Neubau eines großen Blumenladens im Zürcher Hauptbahnhof – von der nackten, leeren Betonhöhle bis zum schlüsselfertigen Ladenlokal inklusive Klimatechnik und Bewässerung.

Was Rätus zu Projektbeginn auf den Schreibtisch bekam, hätte die meisten Projektleiter in die Flucht geschlagen: Allein von den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) erhielt er ein Regelwerk von 1.200 Seiten Umfang. Darin war bis ins kleinste Detail geregelt, was erlaubt und was verboten war, wo ein Loch in den Beton gebohrt werden durfte und welche der rund sechs SBB-internen Fachstellen vor jedem einzelnen Bohrloch um Erlaubnis gefragt werden musste. Zusätzlich benötigte er für die Baubewilligung die Unterschriften und Freigaben von rund einem Dutzend städtischer Ämter der Stadt Zürich – vom Arbeitsinspektorat über die Abwasserbehörde bis zum Bauamt.

Die Kunst der strategischen Kooperation

Wie bewältigt man ein Projekt, das unter 1.200 Seiten SBB-Richtlinien und achtzehn verschiedenen Behördenstellen begraben zu werden droht? Rätus wandte zwei Prinzipien an, die für jede Form von Leadership und Projektsteuerung entscheidend sind:

  1. Relevanz-Filter statt blinder Paralyse: Rätus las natürlich nicht jede einzelne der 1.200 Seiten wie einen Roman von vorne bis hinten durch. Er filterte mit geschultem Ingenieursblick gezielt jene Schnittstellen heraus, die für seine Gewerke tatsächlich kritisch waren. Wo er im Eifer des Gefechts einmal eine Detailvorschrift übersah, kassierte er zwar einen kleinen Rüffel, korrigierte den Punkt jedoch sofort pragmatisch.
  2. Behörden als Lösungspartner behandeln: Anstatt den Sachbearbeitern mit Überheblichkeit oder Abwehr zu begegnen, ging er mit echtem Respekt und offener Kommunikation auf die Ämter zu. Die Wirkung überraschte ihn nach seinen drei Jahrzehnten in Amerika selbst: Nahezu alle Amtsstellen arbeiteten konstruktiv, effizient und lösungsorientiert mit ihm zusammen, um das Projekt ans Ziel zu bringen.

Die Sternstunde der Verantwortung: Als kein Paragraf mehr passte

Den eindrucksvollsten Moment dieses Großprojekts erlebte Rätus jedoch genau dort, wo das 1.200-seitige Regelwerk plötzlich eine Lücke aufwies. Ein großer Blumenladen im unterirdischen Bahnhofsbereich passte in keine Standardschablone der Behörden: Einerseits handelte es sich um einen gärtnerischen Grünbetrieb mit Bewässerungsanlagen, andererseits um ein Einzelhandelsgeschäft, das jedoch keine Lebensmittel verkaufte und somit völlig andere hygienische und sanitäre Anforderungen hatte als ein Restaurant.

Als es um die Genehmigung der WC- und Sanitäranlagen ging, wusste keine der Verordnungen so recht, in welche Kategorie der Betrieb einzuordnen war. In einem angsterfüllten bürokratischen System bedeutet eine solche Grauzone normalerweise den sofortigen Projektstillstand. Doch die zuständige Zürcher Beamtin schaute sich Rätus’ durchdachten Vorschlag an und sprach einen Satz aus, der mir im Gespräch sofort Gänsehaut bereitete:

„Wir wissen nicht genau, was die Bestimmungen für euren speziellen Fall sind. Ich übernehme jetzt die Verantwortung: Du machst das genau so, wie du es vorgeschlagen hast – und falls irgendjemand reklamiert, ist das mein Problem.“

USA, Deutschland und die Schweiz: Drei Systeme im Realitätscheck

Diese Anekdote führte uns im Gespräch zu einem hochspannenden Vergleich dreier Wirtschaftskulturen, die wir beide aus eigener unternehmerischer Praxis kennen:

  • Das amerikanische Paradoxon: Man hält die USA oft für das Land der grenzenlosen unternehmerischen Freiheit. Doch Rätus erklärte mir präzise, warum er in Amerika beim Umgang mit Behörden oft viel mehr Zeit verlor als in der Schweiz: Viele Bau- und Sicherheitsvorschriften – etwa zu Fluchtweglängen in riesigen Gewächshäusern – sind dort schwammig formuliert und hängen vom persönlichen Ermessen des einzelnen Inspektors ab. Weil der amerikanische Beamte jedoch Angst hat, von seinem Vorgesetzten zur Rechenschaft gezogen zu werden, blockt er im Zweifel lieber pauschal mit einem „Nein“ ab. Gleichzeitig verleitet die scheinbare Lockerheit europäische Firmen – Rätus nannte das historische Beispiel der Großbank UBS im US-Steuerstreit – dazu, Grauzonen jahrelang auszureizen, bis das amerikanische System plötzlich mit existenzieller Härte zurückschlägt.
  • Meine eigene Erfahrung zwischen Deutschland und der Schweiz: Als Rätus von der mutigen Zürcher Beamtin erzählte, musste ich ihm direkt aus meinem eigenen Unternehmeralltag berichten. Ich stamme aus dem Bürokratie-Weltmeisterland Deutschland und habe nach meinem Umzug in die Schweiz – von den Kantonen Thurgau bis St. Gallen – mit meiner Marco Deutschmann LTD., Ausländerbewilligungen und Firmenstrukturen sämtliche Behördenprozesse durchlaufen. In Deutschland habe ich es noch niemals erlebt, dass ein Sachbearbeiter sagt: „Ich übernehme die persönliche Verantwortung.“ Hat dort jemand auch nur den Hauch eines Zweifels, schickt er vorsorglich eine Ablehnung (Rejection), selbst wenn diese auf keinerlei Gesetzestext fußt. Erst wenn man schriftlich nachhakt und exakt die Paragrafen benennt, heißt es plötzlich: „Na gut, dann geht es doch.“ In der Schweiz hingegen fragt man: „Was muss ich konkret tun, um die Vorgabe zu erfüllen?“ – und erhält eine glasklare, verlässliche Checkliste.

Drei Lektionen für echte Führungsverantwortung

  1. Klare Regeln schaffen Geschwindigkeit: Ein System mit eindeutigen, transparenten Spielregeln – selbst wenn diese umfangreich sind – ist für ein Unternehmen tausendmal produktiver als ein Umfeld voller Willkür, in dem nur derjenige gewinnt, der die härtesten Ellbogen oder die besten Seilschaften besitzt.
  2. Wahre Führung zeigt sich in der Grauzone: Solange ein Sachbearbeiter, Abteilungsleiter oder Geschäftsführer nur Checklisten abhakt, betreibt er Verwaltung. Eigenverantwortung und echte Leadership beginnen exakt in der Sekunde, in der kein Handbuch mehr eine Antwort liefert und jemand mit seinem eigenen Namen für eine vernünftige Entscheidung geradesteht.
  3. Wie man in den Wald hineinruft: Wer Behörden, Prüfern oder Verhandlungspartnern mit Wertschätzung, sauberer Vorbereitung und fachlicher Substanz begegnet, aktiviert deren Hilfsbereitschaft – und verwandelt potenzielle Bedenkenträger in starke Verbündete.
Medien-Echo: Wie meine Erfahrungen in extremen Grenzsituationen heute Führungskräften bei weitreichenden Entscheidungen helfen, analysierte unter anderem die Tageszeitung TAG24 unter dem Titel «Drogenkurier sitzt sieben Jahre im Knast und berät nun Führungskräfte» (abrufbar auf der Presse-Seite).

Dein nächster Schritt

Stecken Deine Projekte oder Dein Team aktuell in zähen Abstimmungsschleifen fest, weil sich niemand traut, in unklaren Situationen echte Verantwortung zu übernehmen? Im P.E.R.L.S.-System verankern wir eine Entscheidungskultur, die Bürokratie meistert und Geschwindigkeit auf die Straße bringt.

  • Sieh Dir das Original-Interview an: Erlebe das komplette Gespräch mit Dr. Rätus Fischer in voller Länge hier auf YouTube.
  • 1:1 Mentoring & Leadership-Training: Lass uns Deine Projekt- und Führungsstrukturen auf maximale Klarheit ausrichten – entdecke meine Seminare oder buche Dein persönliches Gespräch auf der Mentoring-Seite.
Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
Executive Mentoring | Consulting | Keynotes