Der härteste Deal meines Lebens
Als ich im Pariser Gefängnis Villepinte den unhaltbaren Zuständen mit meinem drogenabhängigen Zellengenossen Danny entkommen wollte, stellte mir der „Chef de Bâtiment“ – der Leiter des Hauses – eine Bedingung, die es in sich hatte: „Deutschmann, es gibt eine Möglichkeit, wie ich Sie aus dieser Zelle hole. Geben und Nehmen. Ich verlege Sie zu einem jungen Franzosen, der in zwei bis vier Wochen entlassen wird. Er ist akut suizidgefährdet. Sie passen auf ihn auf. Und wenn er sich etwas antut, tragen Sie die Verantwortung.“
Keine psychologische Ausbildung, keine gemeinsame Sprache – ich sprach zu diesem Zeitpunkt kaum Französisch, der völlig eingeschüchterte junge Mann fast kein Englisch –, dafür die volle moralische und institutionelle Last für ein Menschenleben auf neun Quadratmetern.
Ich nahm den Deal an. Als ich die neue Zelle betrat, traf ich auf einen kaum zwanzigjährigen Franzosen, der aus Angst vor der Gewalt auf dem Hof keinen Fuß mehr vor die Zellentür setzte. Noch erschütternder: Der junge Mann hatte sich bereits bis ins kleinste Detail überlegt, wie er sich das Leben nehmen wollte. Er erklärte mir mit Händen, Füßen und gebrochenen Worten, wie man den Kopf eines Einwegrasierers aufbricht, die Klinge herauslöst und warum man den Schnitt längs am Unterarm ansetzen muss.
Führung ohne gemeinsame Sprache: Präsenz statt leerer Phrasen
Wie führt und stabilisiert man einen Menschen am Rande des Abgrunds, wenn man seine Sprache nicht fließend spricht? Ich tat intuitiv genau das, was in jedem Krisenmanagement den Unterschied macht:
- Gefahrenquellen konsequent eliminieren: Ich sorgte sofort dafür, dass sämtliche Rasierer in der Zelle verschwanden, weggeschlossen oder von mir kontrolliert wurden, damit in einem schwachen Moment kein Werkzeug griffbereit lag.
- Wachsamkeit rund um die Uhr: Nachts schlief ich wie ein Soldat – beim kleinsten Geräusch stand ich sofort aufrecht im Bett. Wenn ich tagsüber für eine Stunde in den Hofgang ging, kehrte ich jedes Mal mit klopfendem Herzen zurück, bis die Tür aufging und ich sah, dass mein Zellengenosse wohlauf war.
- Wärme, Respekt und Einbindung: Ich behandelte den verängstigten jungen Mann mit maximaler Ruhe, Freundlichkeit und Verlässlichkeit. Ohne große Reden vermittelte ich ihm durch jede Geste: „Du bist hier sicher. Du bist nicht allein. In ein paar Wochen bist du draußen – es lohnt sich durchzuhalten.“
Nach einigen Wochen ging die Zellentür auf: Der junge Franzose wurde tatsächlich entlassen. Bevor er mit seinen Sachen den Gang entlangging, fiel er mir um den Hals, drückte mich minutenlang fest an sich und bedankte sich immer wieder. Erst Jahre später wurde mir in voller Tragweite bewusst, dass meine ruhige Präsenz diesem jungen Mann mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet hat.
Der Schock auf dem Hof: Als der „Schweizer“ nicht mehr wiederkam
Wie zerbrechlich das menschliche Leben unter extremem psychischem Druck ist, erfuhr ich nahezu zeitgleich auf der anderen Seite derselben Gefängnismauer. Während meiner täglichen Hofgänge hatte ich endlich einen Menschen gefunden, mit dem ich in meiner eigenen Sprache sprechen konnte: einen rund zwanzig Jahre älteren Schweizer.
Für mich als damals 23-Jährigen wurde dieser Mann zum emotionalen Fels in der Brandung. Jeden Tag drehten wir gemeinsam unsere Runden im Hof, sprachen über Motorradrennen, über Sport, über das Leben und die Zukunft. Während mein Ex-Zellengenosse Danny aus dem Fenster oben hämische Sprüche brüllte („Läufst du wieder mit deinem Papa durch die Gegend?“), gab mir der ruhige Austausch mit dem Schweizer den dringend benötigten seelischen Halt.
Eines Morgens trat ich auf den Hof – und der Schweizer war nicht da. Am zweiten Tag fehlte er wieder. Am dritten Tag fragte ich den afrikanischen Stationsreiniger, ob er wisse, was mit dem Schweizer passiert sei. Die Antwort traf mich wie ein Faustschlag: „Er hat sich umgebracht.“
Der Schweizer hatte sich auf dem Hof ein illegales Handy organisiert und auf seiner Einzelzelle einen heftigen telefonischen Beziehungsstreit mit seiner Partnerin draußen geführt. In seiner Verzweiflung schnitt er sich in der Zelle die Pulsadern auf. Als die Wärter ihn blutüberströmt fanden, brachten sie ihn jedoch nicht in eine psychiatrische Klinik, sondern warfen ihn notdürftig verbunden in den „Mitard“ – den fensterlosen Isolationsbunker, in dem selbst Wasser und Toilettenspülung nur von außen bedient werden können. Noch schlimmer: Entgegen jeder Vorschrift ließen sie ihm dort seinen Gürtel. In dieser Bunkerzelle erhängte sich der Mann.
Was echte Leadership im Kern bedeutet
Diese doppelte Erfahrung im Pariser Gefängnis legt frei, worum es bei menschlicher Führung (Leadership) jenseits aller Management-Theorien im Kern geht:
- Hinschauen statt Funktionieren: Der afrikanische Reiniger schimpfte über den Toten nur deshalb, weil er zwei Stunden lang das getrocknete Blut aus dessen Zelle schrubben musste; die Wärter schoben den Verzweifelten einfach in den Bunker ab. In einer abgestumpften Umgebung sieht niemand mehr den Schmerz hinter der Fassade. Ein echter Leader erkennt, wann ein Mensch im Team – trotz starker Fassade – innerlich kurz vor dem Zusammenbruch steht.
- Niemals jemanden in seiner Krise isolieren: Der tödliche Fehler des Systems war es, einen Menschen in seiner tiefsten emotionalen Krise in die totale Isolation des Bunkers zu sperren. Auch im Business gilt: Wenn ein Mitarbeiter, Partner oder Kollege einen schweren Rückschlag erlebt, braucht er Führung, Orientierung und menschliche Anbindung – keinen Rückzug ins Abseits.
- Haltung wirkt stärker als Worte: Eine Führungskraft muss kein studierter Psychologe sein und nicht für jedes Problem sofort die perfekte Formulierung parat haben. Oft reicht es, verlässlich da zu sein, den Rahmen sicher zu halten und einem Menschen durch die eigene Haltung zu zeigen, dass man an seine Zukunft glaubt.




