In der Welt der Gründer, Leistungssportler und Spitzenführungskräfte wird eine Eigenschaft über alles andere gestellt: die Fähigkeit, Schmerz auszublenden und weiterzumachen, wenn andere längst aufgegeben haben. Ohne diese mentale Härte entsteht kein Marktführer. Doch es gibt einen schmalen, tückischen Grat, an dem genau diese Tugend in ihr zerstörerisches Gegenteil umschlägt: Wenn ein Performer verlernt, zwischen dem gesunden Wachstumsschmerz der Anpassung und dem strukturellen Warnsignal vor dem Gewebebruch zu unterscheiden.
Kaum eine Episode illustriert dieses zweischneidige Schwert aus Triumph und Raubbau so eindringlich wie meine Sportgeschichte im französischen Gefängnis Saint-Mihiel, die ich in Folge 3: Abhängigkeit, Transfer, Körperbruch und psychischer Wiederaufbau erzähle.
Drill ohne Schmerzgrenze: Wenn man zum Training fast schon krabbelt
Vor meiner Verhaftung hatte ich jahrelang auf olympischem Niveau Taekwondo in der Sportschule meines Meisters Yüksel Özbay in Esslingen am Neckar trainiert, deren militärischer Drill so extrem war, dass ich die spätere fünftägige Spezialmusterung bei der Marine in Wilhelmshaven als reinen Erholungsurlaub empfand. Ich hatte von klein auf gelernt: Schmerz ist nur eine Information – sobald die Muskulatur warm ist, verschwindet er.
Als ich nach sechs Monaten Bewegungsmangel im Pariser Gefängnis endlich die Sporthalle von Saint-Mihiel betrat, wendete ich genau dieses Programm ungebremst auf einen völlig entwöhnten Körper an. Am ersten Tag trainierte ich stundenlang und wachte mit dem schwersten Muskelkater meines Lebens auf. Am zweiten und dritten Tag biss ich die Zähne zusammen und trainierte weiter. Am vierten Tag waren meine Schmerzen so stark, dass ich kaum noch aufrecht gehen konnte und die über fünfzig Metall- und Steinstufen zur Sporthalle fast hinunterkrabbelte. Doch mein Kopf kannte nur ein Kommando: Durchziehen. Wenige Minuten später, beim Badminton, knallte es – und die überlastete Achillessehne riss.
Der zweite Riss und der Aufstieg in die Liga der Clan-Bosse
Selbst nachdem die Sehne nach zweieinhalb Monaten im Gips notdürftig verheilt war, schlug das Schicksal noch ein zweites Mal zu: Im Kraftraum stellte mir ein älterer, scherzender Mitgefangener aus Übermut ein Bein. Ich fing den Sturz reflexartig mit meinem rechten Fuß ab – und hörte ein Geräusch, als würde man einen breiten Klettverschluss auseinanderreißen. Hinten an der Ferse klaffte sofort eine tiefe Delle: Die Sehne war erneut gerissen. Aus Angst vor einer erneuten Odyssee und um den Verursacher vor dreißig Tagen Dunkelhaft im berüchtigten französischen „Mitard“ (Bunker) zu bewahren, schwieg ich gegenüber den Wärtern und biss mich ohne neuen Gips durch.
Was ich anschließend im Kraftraum mit meinen ungarischen Trainingspartnern Miki und Zsolti leistete, glich einem medizinischen und mentalen Wunder. Miki und Zsolti versuchten anfangs absichtlich, mich durch mörderische 90-Minuten-Einheiten in die Knie zu zwingen. Doch ich hörte diesmal auf ein entscheidendes Körpersignal: Immer wenn nach diesen Einheiten nicht nur meine Muskeln, sondern meine Sehnen in den Armen brannten, verordnete ich mir konsequent mehrere Tage Pause, bis das Bindegewebe regeneriert war.
Innerhalb eines Jahres baute ich im Gefängnis 16 Kilogramm reine Muskelmasse auf (von knapp 60 auf rund 80 Kilogramm). Als mich eines Tages der 1,85 Meter große Anführer des rumänischen Clans zu einem direkten Kräftemessen nach meiner Trainingsmethode herausforderte, brach der Hüne nach der Hälfte des Trainings erschöpft ab – während ich mit einem umgebauten Besenstiel am Kabelturm den gesamten 80-Kilo-Gewichtsblock im Trizepsdrücken bewegte und an der Beinpresse das Maximalgewicht von 160 Kilogramm durchdrückte. Von diesem Tag an geschah etwas Unglaubliches: Nicht ich musste die Anführer der rumänischen, albanischen, arabischen und russischen Gefängnis-Clans grüßen – die Bosse kamen beim Betreten der Halle von sich aus zu mir, um mir auf Augenhöhe die Hand zu geben.
Drei Lektionen für nachhaltige High Performance im Unternehmertum
- Muskelkater von brennenden Sehnen unterscheiden: Im Business ist „Muskelkater“ die normale Erschöpfung nach einer intensiven Vertriebswoche oder Produkteinführung. „Brennende Sehnen“ hingegen sind strukturelle Überlastungssignale: chronischer Schlafentzug, gereizte Fehlentscheidungen im Führungsteam oder überdehnte Liquidität. Wer bei brennenden Sehnen weitermacht, riskiert den Abriss.
- Regeneration ist kein Rückzug, sondern Teil der Dominanz: Als ich meinen Trainingspartnern sagte „Gebt mir ein paar Tage, meine Sehnen müssen heilen, dann bin ich wieder da“, verlor ich keinen Respekt – im Gegenteil: Weil ich immer wieder zurückkehrte, galt ich als unzerstörbar.
- Echter Status entsteht durch Taten, nicht durch Worte: Im Gefängnis – genau wie in hart umkämpften Märkten – zählt am Ende kein Gerede („Laber-Laber“). Wenn Wettbewerber und Partner sehen, dass ein Unternehmer eine Ausdauer besitzt, bei der selbst scheinbar Größere nach der Hälfte der Strecke aussteigen, entsteht unantastbarer Respekt.
Fazit: Härte braucht Intelligenz
Willenskraft ist der stärkste Motor der Welt. Doch ein Hochleistungsmotor ohne Temperaturanzeige fährt sich im ersten Rennen fest. Wer langfristig an der Spitze stehen will, paart kompromisslose Trainingshärte mit der Weisheit, rechtzeitig vor dem Sehnenriss zu regenerieren.




