Wenn es in der Wirtschaft um beruflichen Aufstieg, Unternehmensbewertungen oder den Gewinn hochkarätiger Mandate geht, wird über einen entscheidenden Karrierefaktor oft höflich geschwiegen: die sprachliche Signatur eines Menschen. Binnen weniger Sekunden ordnet das menschliche Gehirn ein Gegenüber anhand von Wortwahl, Satzbau, Artikulation und Sprachmelodie in eine soziale und intellektuelle Schublade ein. Wer sprachlich in seiner alten Herkunftswelt verharrt, stößt ab einer gewissen Flughöhe an eine gläserne Decke – selbst dann, wenn er fachlich brillant ist.
Über diese transformative Kraft der bewussten Sprachwahl sprach ich in der Live-Sendung SWR Kaffee oder Tee vom 12. Juni 2019. Die Szene im Fernsehgespräch zeigte exemplarisch, wie eng Sprache, Reichweite und berufliche Neuerfindung miteinander verknüpft sind.
Die Überraschung im SWR-Gespräch: Ein Stuttgarter ohne jeden Dialekt
Während der Sendung diskutierte die Tischrunde ausführlich über Heimatgefühle und die Vorzüge regionaler Mundarten vom Schwäbischen über das Bodensee-Alemannische bis zum Saarländischen. Als sich der Moderator schließlich an mich wandte, bemerkte er verwundert: „Bei Herrn Deutschmann habe ich wohl wenig Glück mit Dialekt – der spricht nämlich überhaupt keinen, oder?“
Ich bestätigte das lächelnd und lieferte eine Begründung, die im Kern eine unternehmerische Positionierungsentscheidung war: Ja, ich bin in Stuttgart-Uhlbach groß geworden, und natürlich war in meiner Jugend das Schwäbische fest in meiner Sprache verankert. Doch irgendwann habe ich erkannt: „Wenn ich klares Hochdeutsch spreche, erreiche ich wesentlich mehr Menschen – weil ich im gesamten Sprachraum mit unterschiedlichsten Menschen arbeite.“
Drei sprachliche Welten: Vom Stuttgarter Kessel über den Knast-Jargon auf die Vorstandsetage
Hinter dieser scheinbar beiläufigen Bemerkung in der SWR-Nachmittagssendung steckt eine außergewöhnliche rhetorische Disziplinleistung. Denn ich musste mich im Laufe meines Lebens nicht nur von einer regionalen Mundart lösen, sondern gleich mehrere sprachliche Identitäten meistern und wieder bewusst ablegen:
- Die Herkunftssprache: Als Schüler auf der zweitschlimmsten Hauptschule Stuttgarts und später in der Gastronomie war der lokale Slang und Dialekt der natürliche Code der Zugehörigkeit.
- Die Überlebenssprache hinter Gittern: Während meiner fast siebenjährigen Haftzeit in Frankreich und Deutschland musste ich zwei völlig gegensätzliche Register bedienen. Tagsüber im Zellenblock und in der Großküche herrschte ein harter, direkter Straßen- und Gefängnisjargon; wer dort gestelzt sprach, wurde nicht ernst genommen. Gleichzeitig brachte ich mir in Frankreich autodidaktisch ein so präzises Französisch bei, dass ich bei meiner Rückkehr nach Stuttgart-Stammheim im ersten halben Jahr sogar Deutsch mit starkem französischem Akzent sprach.
- Die Sprache der neuen Identität: Als ich nach dem Abitur in der JVA Freiburg (Notenschnitt 1,5) an die Universität ging und später begann, Führungskräfte, Behördenleiter und Unternehmer im gesamten DACH-Raum zu beraten, traf ich eine radikale Entscheidung: Ich strich jedes Fluchen, jeden Gefängnisslang und jeden regionalen Dialekt vollständig aus meinem Wortschatz.
Warum Sprache im Business kein Zufallsprodukt sein darf
Wie tiefgreifend dieser sprachliche Wandel wirkte, hatte sich bereits vor dem Stuttgarter Landgericht gezeigt, als selbst der Staatsanwalt angesichts meiner präzisen Artikulation und meines souveränen Auftretens kaum glauben konnte, einen ehemaligen Hauptschüler vor sich zu haben.
Für Unternehmer, Vorstände und aufstrebende Führungskräfte lassen sich aus diesem Sprachwechsel drei konkrete Regeln ableiten:
- Zwischen gemütlicher Heimat und überregionaler Wirksamkeit unterscheiden: Regionaler Dialekt, Branchen-Jargon oder interner Firmen-Slang schaffen zwar im engsten Kreis ein warmes Gefühl von Vertrautheit („wie eine warme Badewanne“, wie es im SWR-Gespräch hieß). Sobald ein Unternehmer jedoch überregional skaliert, Investoren überzeugt oder internationale Märkte erschließt, wird ein zu enger Sprachcode zur unsichtbaren Barriere.
- Ein neues Kapitel verlangt ein neues Vokabular: Wer vom Handwerker zum Geschäftsführer, vom Entwickler zum Vorstand oder vom lokalen Dienstleister zum strategischen Berater aufsteigt, kann nicht weiterreden wie in seiner ersten Lehrwoche. Das Ablegen von Füllwörtern, Weichmachern und Flüchen ist das äußere Zeichen innerer Klarheit.
- Sprachliche Präzision steuert die Selbstachtung: Wie man spricht, wirkt unmittelbar auf das eigene Denken zurück. Wer sich zwingt, komplexe Sachverhalte ruhig, klar, hochsprachlich und positiv zu formulieren, denkt strukturierter und strahlt sofort natürliche Autorität aus.
Fazit: Wer mehr Menschen erreichen will, muss ihre Sprache sprechen
Niemand muss seine Wurzeln verleugnen, um erfolgreich zu sein. Doch wer wachsen will, darf sich von seiner Herkunftssprache nicht begrenzen lassen. Die bewusste Arbeit an der eigenen Ausdrucksweise ist der direkteste Hebel, um der Welt zu zeigen, wer man heute ist – und wohin die Reise geht.




