In fast jedem Unternehmen, jedem Aufsichtsrat und jeder Branche gibt es sie: erfahrene Platzhirsche, die ihre Dienstjahre und ihr Alter wie ein unsichtbares Schutzschild vor sich hertragen. Wenn jüngere Führungskräfte, Quereinsteiger oder ambitionierte Gründer mit ihnen am Tisch sitzen, greifen diese Charaktere selten zu offener Konfrontation. Stattdessen verpacken sie ihre Dominanz in väterliche Herablassung: Sie erklären die Welt von oben herab und vermitteln ihrem Gegenüber subtil das Gefühl, schlichtweg noch zu naiv und unerfahren für die große Bühne zu sein.
Wie man solche psychologischen Machtspiele ohne laute Diskussionen an der Wurzel beendet, zeigt eine prägnante Episode aus meiner Zeit in der JVA Stuttgart-Stammheim, über die ich in Folge 6: Stammheim: Die Hölle hat noch einen Keller berichte.
Das subtile Machtspiel am Schachbrett
Auf meinem Stockwerk in Bau 1 lernte ich einen weit über fünfzigjährigen, hochgebildeten Mitgefangenen kennen, der sich selbst als Schamane bezeichnete. Auf dem Hofgang führten wir stundenlange philosophische Gespräche über Systeme, Gesellschaft und das menschliche Verhalten. Ich schätzte den intellektuellen Austausch, da ich schon immer bereit war, eigene Ansichten kritisch zu hinterfragen, um geistig zu wachsen.
Beim gemeinsamen Umschluss auf der Zelle tranken wir Tee und spielten regelmäßig Schach. Ich hatte die Grundlagen des königlichen Spiels erst wenige Monate zuvor während meiner Verletzungspause in Frankreich von meinem arabischen Mitgefangenen Kamel gelernt. Der ältere „Schamane“ war mir spielerisch überlegen – und nutzte genau dieses Gefälle für ein subtiles Dominanzspiel. Zwischen den Zügen ließ er immer wieder durchblicken, dass ich geistig noch lange nicht auf seinem Niveau sei, mir die Lebenserfahrung fehle und ich gegen einen Mann seines Formats ohnehin keine Chance habe.
Die Antwort aus der Gefängnisbibliothek
Viele Menschen reagieren auf eine solche Behandlung entweder mit trotzigem Rückzug oder mit hitzigen Grundsatzdiskussionen über Respekt auf Augenhöhe. Beides bestätigt jedoch nur die Überlegenheitsposition des anderen. Ich wählte einen dritten Weg: Ich schwieg, nahm die Herausforderung innerlich an und besorgte mir über die Bestellliste der Stammheimer Gefängnisbibliothek Fachbücher über Schach.
Abends in meiner neun Quadratmeter großen Einzelzelle las ich diese Bücher nicht nur – ich studierte sie wie ein wissenschaftliches Lehrbuch. Ich analysierte Eröffnungstheorien, Figurenkoordination, taktische Muster und Endspielprinzipien. Innerhalb kürzester Zeit hob ich mein strategisches Verständnis auf ein völlig neues Fundament. Als der ältere Mitgefangene das nächste Mal zum Umschluss in die Zelle kam, um seine gewohnte Lehrstunde zu erteilen, kippte das Spiel: Ich schlug ihn Partie um Partie. Die herablassende Dominanz des selbsternannten Mentors brach lautlos in sich zusammen.
Drei Prinzipien gegen Senioritäts-Dominanz im Business
Die Lektion am Stammheimer Schachbrett lässt sich direkt auf Verhandlungen, Gremiensitzungen und Konkurrenzsituationen im Geschäftsleben übertragen:
- Keine emotionalen Status-Debatten führen: Wer sich darüber beklagt, von erfahrenen Marktteilnehmern nicht ernst genommen zu werden, wirkt erst recht unreif. Status lässt sich nicht einfordern – er wird durch unbestreitbare Ergebnisse erzwungen.
- Erfahrung ist oft nur wiederholte Routine: Viele etablierte Akteure ruhen sich auf dem Erfahrungsschatz der letzten zwanzig Jahre aus und hören auf, sich systematisch weiterzubilden. Wer sich mit höchster Intensität in die Fachliteratur, die Datenlage oder die Spielmechanik eines Marktes einarbeitet, überholt bloße Routine in erstaunlich kurzer Zeit.
- Die Antwort auf das Spielfeld verlegen: Sobald die Fakten, die Zahlen oder die strategischen Züge auf dem Tisch liegen, zählen weder Lebensalter noch vergangene Titel. Auf dem Schachbrett – genau wie in der Bilanz – gewinnt am Ende immer derjenige, der die besseren Züge berechnet hat.
Fazit: Kompetenz ist das schärfste Schwert
Herablassung ist im Kern immer der Versuch, einen Herausforderer klein zu halten, solange er seine eigene Stärke noch nicht voll entfaltet hat. Wer diesen Impuls nicht persönlich nimmt, sondern als Treibstoff für kompromissloses Selbststudium nutzt, verwandelt jeden überheblichen Gegner in den besten Beschleuniger des eigenen Wachstums.




