Das letzte Ultimatum: „Ohne Wohnung brechen Sie das Studium ab!“
Kurz vor dem Ende meiner Haftzeit im Sommer 2013 holte der Sozialarbeiter im Freiburger Freigängerhaus („Luzifer“) zu seinem letzten Schlag aus. Mit sichtlicher Vorfreude eröffnete er mir: Wenn ich bis zum Entlassungstag keine eigene, bezahlbare Wohnung und keine gesicherte Finanzierung nachweisen könne, müsse ich mein Informatikstudium an der Universität sofort abbrechen und werde an eine Zeitarbeitsfirma vermittelt, um irgendeinen Hilfsarbeiterjob anzunehmen.
Die Ausgangslage schien fast aussichtslos: Der Wohnungsmarkt in der Universitätsstadt Freiburg ist selbst für normale Studenten mit wohlhabenden Eltern extrem umkämpft. Ich hatte kein Eigenkapital, saß noch im offenen Vollzug und verdiente als eingestufter Schüler im Gefängnis gerade einmal rund 200 Euro im Monat.
Doch statt in Panik zu verfallen, schaltete ich in den reinen Vertriebs- und Unternehmermodus:
Schritt 1: Hunderte Flyer und das „Gesetz der großen Zahl“
Ich wusste: Auf dem regulären privaten Immobilienmarkt hatte ich ohne Einkommensnachweise keine Chance. Also konzentrierte ich mich voll auf studentische Wohnheime und unkonventionelle Wege:
- Direktmarketing an den Briefkästen: Ich entwarf einen eigenen Such-Flyer („Informatikstudent sucht dringend Zimmer – bitte melde dich bei mir, wenn du ausziehst!“), druckte hunderte Exemplare aus und lief jeden Abend nach den Vorlesungen die Studentenwohnheime rund um die Technische Fakultät ab, um jeden einzelnen Briefkasten persönlich zu bestücken.
- Alle Kanäle beim Studierendenwerk: Ich trug mich in sämtliche Wartelisten und Portale ein und bewarb mich sogar für das Programm „Wohnen für Hilfe“, bei dem Studenten bei älteren oder körperlich eingeschränkten Menschen wohnen und diese im Alltag unterstützen. Obwohl man mir dort sagte, ich stünde nur auf Wartelistenplatz fünf und die Chancen stünden schlecht, blieb ich hartnäckig im persönlichen Kontakt.
Und plötzlich zahlte sich die massive Aktivität aus: Das Studierendenwerk rief an – direkt im Wohnheim an der Technischen Fakultät war kurzfristig ein Zimmer frei geworden, weil der Vormieter herausgeflogen war. Das Zimmer war zwar völlig verdreckt und musste komplett frisch gestrichen werden, doch ich unterschrieb noch am selben Tag den Mietvertrag. (Genau dieses Studentenzimmer ist später auch in der bekannten SWR-Dokumentation über mich zu sehen).
Schritt 2: Die Finanzierungs-Offensive über fünf Säulen
Parallel löste ich das Kapitalproblem mit derselben unternehmerischen Entschlossenheit. Da man auch als Gefangener nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) voll geschäftsfähig ist, eröffnete ich auf eigene Faust ein reguläres Bankkonto bei der Volksbank.
Dazu erntete ich nun die Früchte meiner Vorarbeit aus der Zelle: Von den 23 Stiftungen, die ich noch aus dem Gefängnis heraus für ein Stipendium angeschrieben hatte, hatte bereits die Thomas-Gessmann-Stiftung zugesagt. Nun traf im Freigängerhaus eine zweite Zusage ein: Auch die renommierte Kurt-Pauli-Stiftung (die das Erbe des Computer-Erfinders Konrad Zuse verwaltet) nahm mich als Stipendiaten auf und unterstützte mich monatlich mit mehreren hundert Euro. Damit war die Miete komplett gedeckt – und dem Sozialarbeiter im Freigängerhaus war jedes Argument für einen Studienabbruch genommen.
Um mich im Studium zu 100 Prozent auf meine Prüfungen und meinen Neustart konzentrieren zu können, ohne nebenbei kellnern zu müssen, ging ich noch einen Schritt weiter: Ich beantragte gleichzeitig BAföG, einen Bildungskredit bei der KfW sowie einen Studienkredit bei der DKB-Bank – und erhielt tatsächlich von allen drei Institutionen die Zusage. Am Tag meiner Entlassung im Juli 2013, als mich meine neuen Studienfreunde vor dem Tor abholten, verfügte ich über ein solideres monatliches Budget als mancher Vollzeit-Angestellte und konnte jedes Darlehen sauber haushalten.
Schritt 3: Wie aus einer Ablehnung bei „Rock Your Life!“ meine Lebensberufung entstand
Noch während meiner Zeit im Freigängerhaus legte ich auf dem Campus – ohne es zu ahnen – den Grundstein für meine heutige Arbeit als Speaker, Mentor und Trainer. Bei einem Campus-Festival lernte ich den gemeinnützigen Verein „Rock Your Life!“ kennen, der Studenten als Mentoren in eine zweijährige Eins-zu-eins-Begleitung mit Hauptschülern bringt.
Ich war sofort elektrisiert: „Ich habe mich gefragt: Wie wäre mein eigenes Leben verlaufen, wenn ich damals als Hauptschüler einen Studenten als Mentor an meiner Seite gehabt hätte?“ Ich bewarb mich sofort – und legte ehrlich auf den Tisch, dass ich aktuell noch im offenen Vollzug saß.
Innerhalb des Vereins brach eine heftige Grundsatzdebatte aus:
- Das Pro-Lager sagte: „Genau so jemanden brauchen wir! Vom Hauptschüler im Gefängnis zum 1,5-Abitur und Informatikstudium – ein authentischeres Vorbild für gefährdete Jugendliche gibt es nicht!“
- Das Contra-Lager fürchtete um den Ruf des Vereins, suchte juristische Paragrafen heraus und fand tatsächlich ein Gesetz, wonach Haftentlassene fünf Jahre lang nicht unbeaufsichtigt im Eins-zu-eins-Mentoring mit Minderjährigen arbeiten dürfen.
Statt beleidigt abzuziehen, nahm ich das Kompromissangebot des Vorstands an: Wenn ich schon keinen einzelnen Schüler allein betreuen durfte, arbeitete ich eben im Organisationsteam mit und begleitete die Gruppen in die Schulen.
Und genau dort stellte mir meine Teamkollegin Stella eines Tages die Frage, die mein ganzes Leben veränderte:
Wenige Wochen später stand ich in der Albert-Schweitzer-Schule II in Freiburg – einer Förderschule für Kinder und Jugendliche, die im normalen Schulsystem bereits abgestempelt worden waren – zum allerersten Mal auf einer Bühne. Der Titel meines allerersten Vortrags lautete: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“
Aus diesem ersten Auftritt im Klassenzimmer einer Freiburger Förderschule entstand über die Jahre meine Bühnen-Biografie „Monsieur 17507E“, meine internationale Vortragstätigkeit und schließlich das P.E.R.L.S.-System.
Drei Lektionen für den unternehmerischen Durchbruch
- Engpässe mit massiver Schlagzahl schlagen: Ob 23 Stiftungsbewerbungen, hunderte Wohnungs-Flyer in Briefkästen oder drei parallele Finanzierungsanträge – wer sich in einer Krise auf einen einzigen Versuch verlässt, spielt Roulette. Wer das Gesetz der großen Zahl nutzt, erzwingt den Erfolg.
- Die Seitentür nehmen, wenn das Haupttor gesetzlich versperrt ist: Als ich wegen des Fünf-Jahres-Paragrafen nicht als Einzel-Mentor arbeiten durfte, ging ich ohne gekränktes Ego ins Organisationsteam – und genau dort entstand die Einladung zu meinem allerersten Bühnenvortrag. Wenn Tür A blockiert ist, führt oft Tür B in denselben Raum.
- Die größte Krise trägt den Keim der größten Berufung in sich: Was ich in sieben Jahren Haft durchlitten und überwunden hatte, wurde an jenem Tag in der Freiburger Förderschule zum Kompass für andere Menschen. Bei jedem Rückschlag lohnt sich die Frage: Welchen Wert kann man aus dieser Erfahrung eines Tages für andere stiften?




