Schneller anhören spart Zeit. Vertont durch Vavene Vocalis (Marcos KI-Stimme)
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Die Kunst, zwischen Mensch und Tat zu trennen

Im normalen gesellschaftlichen Alltag ist es leicht, sich moralisch über andere zu erheben: Sobald jemand einen Fehler macht oder eine unpopuläre Meinung vertritt, wird der Kontakt abgebrochen oder über Dritte geurteilt. In einem Langzeitgefängnis wie der JVA Freiburg funktioniert diese Komfort-Moral nicht. Auf engstem Raum lebt, arbeitet und lernt man Tür an Tür mit Menschen, die schwerste Straftaten begangen haben.

Wie kommuniziert man in einem solchen Umfeld, ohne die eigenen moralischen Maßstäbe zu verlieren – und ohne gleichzeitig durch Überheblichkeit zur Zielscheibe zu werden? In Freiburg entwickelte ich eine Kommunikationshaltung, die auf radikaler Direktheit, Vorurteilsfreiheit im ersten Kontakt und glasklarer Abgrenzung bei eigenen Werten beruht.

Szene 1: Börek backen und Teetrinken mit Cemil

Auf dem Stockwerk 2-3 gab es einen Mitgefangenen namens Cemil – einen fast 1,90 Meter großen, schlaksigen Mann, der schon seit rund sechzehn Jahren einsaß („lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld“). Fast alle anderen Häftlinge machten einen weiten Bogen um seine Zelle, weil Cemil unberechenbar wirkte und als dreifacher Mörder galt.

Ich begegnete ihm im Alltag auf dem Stockwerk respektvoll und normal. Am Wochenende standen wir gemeinsam in der Stockwerksküche: Cemil brachte mir bei, wie man original türkisches Börek und Baklava mit Nüssen zubereitet, während ich Pizza, Käsekuchen und ungarische Hühnersuppe kochte. Eines Tages saß ich bei Cemil in der Zelle beim Tee. Plötzlich schaute Cemil mich durchdringend an und fragte: „Weißt du überhaupt, was ich gemacht habe? Wie ist das für dich, wenn du hier allein bei einem Mörder sitzt?“

Viele wären in diesem Moment ausgewichen oder hätten beschwichtigt. Ich antwortete vollkommen ruhig und direkt: „Was soll jetzt sein? Bringst du mich jetzt um oder was? Ich kenne deine Geschichte nicht, also urteile ich nicht darüber. Wenn du willst, erzähl sie mir.“

Weil ich ihn nicht vorverurteilte, öffnete sich Cemil und erzählte mir seine gesamte Tatgeschichte – wie ein eskalierender Streit mit seiner damaligen Freundin in einer Tragödie endete und er in seiner Panik zwei weitere Menschen tötete, die ihm auf die Spur kamen. Genauso führte ich lange, reflektierte Gespräche mit dem Schulschänzer des Gefängnisses, der wegen Spielschulden im Affekt zwei Geldeintreiber getötet hatte, im siebten Haftjahr tief religiös geworden war und mir das Badmintonspielen beibrachte (wobei ich mir später im Eifer des Gefechts die rechte Achillessehne riss). Auch bei ihm hörte ich ruhig zu, teilte offen meine eigene kritische Sicht auf organisierte Religion und wahrte dennoch den gegenseitigen Respekt.

Szene 2: Die unmissverständliche Schranke beim Badminton

Dass Vorurteilsfreiheit jedoch keinesfalls bedeutet, alles gutzuheißen oder jede Nähe zuzulassen, zeigte eine zweite Begebenheit rund um das Badminton-Training. Da es in der Anstalt kaum starke Spielpartner gab, spielte ich regelmäßig Badminton mit einem ruhigen, stets höflichen Mitgefangenen. Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass die anderen Häftlinge auf dem Hof plötzlich abweisend auf mich reagierten und fragten: „Warum hängst du mit dem rum?“

Als der Mann begann, mich auch während des Hofgangs anzusprechen, um gemeinsam Runden zu drehen, forschte ich nach, weshalb der Mann einsaß. Es stellte sich heraus: Der Mitgefangene war ein ehemaliger Richter, der sich an seinen eigenen kleinen Töchtern vergangen hatte.

Für mich war hier eine absolute moralische Grenze erreicht. Doch anstatt hinter dem Rücken des Mannes zu hetzen, ihn wortlos zu schneiden oder auf dem Hof ein Schauspiel aufzuführen, ging ich beim nächsten Hofgang direkt auf ihn zu und zog eine rhetorisch messerscharfe Grenze:

„Pass auf: Ich weiß jetzt, warum du hier bist. Was du getan hast, hat eine Grenze überschritten, die für mich durch nichts zu entschuldigen ist. Ich habe dich hier als höflichen Menschen kennengelernt und du spielst gut Badminton. Wir können weiterhin zusammen Badminton spielen – und darüber hinaus gibt es zwischen uns nichts. Kein Rundenlaufen, kein Händeschütteln, kein privates Gespräch. Hallo, Badminton, Tschüss.“

Am Anfang glaubte der ehemalige Richter noch, ich würde diese Ansage nach ein paar Tagen wieder aufweichen. Doch ich zog die gezogene Linie mit eiserner Konsequenz durch: Auf dem Spielfeld wurde wortlos der Federball geschlagen, davor und danach existierte keinerlei privater Kontakt. Der Mann akzeptierte die Schranke – und auch für das restliche Umfeld im Gefängnis waren die Fronten sofort geklärt.

Was Führungskräfte aus dieser Klarheit für ihre Kommunikation lernen

Im Unternehmensalltag trauen sich viele Führungskräfte nicht, Beziehungen und Zuständigkeiten so sauber zu definieren. Man vermischt persönliche Sympathie mit fachlicher Zusammenarbeit oder druckst monatelang herum, wenn ein Geschäftspartner Werte verletzt. Aus meinen Freiburger Erfahrungen lassen sich drei Prinzipien für Rhetorik und Führungskommunikation ableiten:

  1. Erst urteilen, wenn die Fakten aus erster Hand bekannt sind: Gerüchte in Organisationen sind oft verzerrt. Wer zuerst ruhig zuhört und direkt mit der Person spricht, statt sich vom Flurfunk leiten zu lassen, behält ein klares, unabhängiges Urteil.
  2. Funktion und persönliche Nähe glasklar trennen: Man muss im Geschäftsleben nicht mit jedem Dienstleister, Kunden oder Kollegen befreundet sein, mit dem man fachlich exzellent „den Ball über das Netz spielt“. Wenn die Werte außerhalb des Spielfelds nicht zusammenpassen, begrenzt man die Beziehung strikt auf die sachliche Funktion.
  3. Grenzen offen aussprechen und zu 100 Prozent einhalten: Eine Grenze ist nur so stark wie die eigene Konsequenz am Tag danach. Wer freundlich im Ton, jedoch unmissverständlich in der Sache sagt „Bis hierher und keinen Millimeter weiter“ – und danach genauso handelt –, genießt höchsten Respekt auf allen Seiten.

Dein nächster Schritt

Fällt es Dir manchmal schwer, in schwierigen Konstellationen im Business glasklare Grenzen zu kommunizieren, ohne unnötiges Drama zu erzeugen? Im P.E.R.L.S.-System schärfen wir Deine rhetorische Klarheit für genau solche Schlüsselmomente.

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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