Die rote Plastikkiste im „Perkinspark“: Wo meine Vertriebsschule wirklich begann
Wer heute auf meine Arbeit als Unternehmensberater, IT-Stratege und Mentor blickt, vermutet oft, ich hätte das Handwerk des Verkaufens erst im Studium oder in teuren Management-Seminaren gelernt. Doch die Wahrheit ist viel bodenständiger: Meine prägendste Schule für angewandte Menschenkenntnis und Sales begann mitten in der Nacht, bewaffnet mit einer leeren roten Plastikkiste in einer der bekanntesten Großraumdiskotheken Stuttgarts – dem legendären Perkinspark.
Als junger Mann fing ich in der Gastronomie ganz unten an: als Gläsersammler. Meine Aufgabe bestand eigentlich nur darin, mich durch die feiernde Menge zu schieben, leere Gläser von den Tischen zu räumen und hinter die Theke zu bringen. Viele Aushilfen erledigten diesen Job mit gesenktem Blick, genervter Miene und dem Gefühl, für eine niedere Arbeit unterbezahlt zu werden.
Ich hingegen liebte die Energie unter den Menschen – nicht umsonst ist Rot bis heute meine absolute Lieblingsfarbe, weil sie für Lebendigkeit, Wärme und Tatkraft steht. Während ich meine rote Kiste durch den Club trug, lächelte ich die Gäste an, wechselte hier ein freundliches Wort, half dort jemandem unkompliziert weiter und strahlte echte Lebensfreude aus. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: Schon nach kürzester Zeit holte mich die Betriebsleitung hinter die Bar, und während des legendären Fußball-Sommermärchens 2006 bediente ich als Kellner auf dem Stuttgarter Schillerplatz beim großen WM-Weindorf und im Restaurant des VfB Stuttgart tausende internationale Gäste aus aller Welt.
Der Leitsatz von Dale Carnegie: Warum jeder beste Freund einmal ein Fremder war
Was machte den Unterschied zwischen einem Kellner, der abends mit schmerzenden Füßen und magerem Trinkgeld nach Hause ging, und jemandem, bei dem die Tische immer voll waren, die Gäste wiederkamen und die Kasse stimmte?
Im großen Schweizer Podcast-Interview brachte ich meine damalige und heutige Grundhaltung auf ein zeitloses Zitat von Dale Carnegie zurück, das mein gesamtes Leben begleitet:
Wenn man sich diesen einfachen Satz einmal wirklich auf der Zunge zergehen lässt, löst sich jede Verkaufsangst und jede künstliche Distanz im Geschäftsleben in Luft auf. Denken wir an die wichtigsten Menschen in unserem heutigen Leben – an unseren Ehepartner, unseren besten Freund oder unseren engsten Geschäftspartner: Jeder einzelne dieser vertrauten Menschen war für uns an irgendeinem Tag in der Vergangenheit ein vollkommen Fremder. Erst dadurch, dass einer von beiden ein offenes Lächeln zeigte, ein Gespräch begann und echtes Interesse am Gegenüber bewies, wurde aus einem Unbekannten ein Weggefährte.
Im modernen B2B-Vertrieb wird genau diese menschliche Wahrheit oft unter einem Berg aus CRM-Kennzahlen, automatisierten LinkedIn-Nachrichten und auswendig gelernten Abschluss-Skripten begraben. Verkäufer betrachten potenzielle Kunden als bloße „Leads“ oder „Targets“, die es möglichst schnell zu konvertieren gilt. Doch Menschen haben feine Antennen: Sie spüren in der ersten Minute, ob ihr Gegenüber nur auf die eigene Provision schielt – oder ob dort jemand sitzt, der sich aufrichtig für den Menschen und seine Welt interessiert.
Die dunkle Seite des Beziehungsaufbaus: Was mich das Jahr 2006 über Manipulation lehrte
Weil ich in meinem Leben nicht nur die Sonnenseite, sondern auch den tiefsten Abgrund erlebt habe, gehört zur vollen Wahrheit über Beziehungsaufbau jedoch auch eine eindringliche Warnung. Denn dasselbe psychologische Werkzeug, das im ehrlichen Vertrieb Vertrauen und Wohlstand für beide Seiten schafft, kann in den Händen skrupelloser Menschen zur gefährlichen Waffe werden.
Im Sommer 2006 – genau in jener Zeit, als ich auf dem Stuttgarter Schillerplatz kellnerte – erlebte ich am eigenen Leib, wie meisterhafter, jedoch manipulativ eingesetzter Beziehungsaufbau funktioniert. Ein etwa zehn bis fünfzehn Jahre älterer Mann kam damals fast dreißig Tage lang nahezu täglich als Stammgast an meine Tische. Er trank seinen Kaffee, beobachtete ruhig, wie ich auf Englisch mit den internationalen WM-Gästen scherzte, gab großzügiges Trinkgeld und verwickelte mich Tag für Tag in tiefere Gespräche.
Das Perfide daran: Dieser Mann versuchte mich niemals über Geld, teure Uhren oder schnelle Sportwagen zu ködern. Da ich aus meiner Jugend und meinem Umfeld wohlhabende Unternehmer und Golfer kannte, die Porsche oder Ferrari fuhren, ließen mich materielle Statussymbole völlig kalt. Er las meine Persönlichkeit stattdessen mit chirurgischer Präzision: Er merkte, dass ich ein junger Mann voller Abenteuerlust, Entdeckergeist und Loyalität war. Also erzählte er mir keine Geschichten von Banknoten, sondern von Abenteuern in Brasilien – wie er in Salvador da Bahia in einem einfachen Hinterhof saß, eine alte Frau mit dem Messer Rinde von einem Baum schabte und daraus die beste Spaghetti-Sauce seines Lebens kochte, oder wie er im Amazonasgebiet bei Manaus mit rohem Hühnerfleisch Piranhas angelte.
Über Wochen hinweg baute er ein Vertrauensverhältnis auf, das sich wie echte Freundschaft anfühlte – nur um mich am Ende, als er angeblich wegen kranker Kinder kurzfristig nicht selbst fliegen konnte, um einen „Freundschaftsdienst“ zu bitten, der mich für fast sieben Jahre ins Gefängnis brachte.
Warum das „S“ in P.E.R.L.S. untrennbar an ethische Werte gekoppelt ist
Diese bittere Lektion meines Lebens ist der Grund, warum die Säule Sales (S) in meinem P.E.R.L.S.-System niemals allein steht, sondern zwingend auf dem Fundament von Personal Development und unbestechlichen Werten ruht.
Die Mechanik des menschlichen Beziehungsaufbaus – aufmerksam zuhören, die Motive des Gegenübers verstehen, über Geschichten Bilder im Kopf erzeugen und Vertrauen durch Beständigkeit aufbauen – ist an sich wertneutral wie ein scharfes Messer: Ein Chirurg rettet damit Leben, ein Verbrecher richtet damit Schaden an.
Für ehrliche Unternehmer, Berater und Verkäufer bedeutet das zweierlei:
- Echte Menschlichkeit darf niemals zur bloßen Technik verkommen: Wenn wir einem Kunden zuhören, nach seinen Zielen fragen und eine persönliche Beziehung aufbauen, dann tun wir das mit der glasklaren Absicht, ihm einen realen, messbaren Mehrwert zu liefern. Ein Abschluss ist im ethischen Vertrieb immer nur dann ein guter Abschluss, wenn beide Seiten nach der Unterschrift besser dastehen als zuvor.
- Wachsamkeit durch psychologische Kompetenz: Wer die Gesetze von Rhetorik, Beziehungsaufbau und Verkaufspsychologie selbst bis in die Tiefe beherrscht, wird nicht nur zum exzellenten Verkäufer seiner eigenen Produkte – er erkennt auch sofort, wenn ein vermeintlicher Geschäftspartner am Verhandlungstisch ein falsches Spiel spielt und emotionale Knöpfe drückt, hinter denen keine solide Substanz steht.
Drei Lektionen für nachhaltigen Beziehungsaufbau im Vertrieb
- In jedem Kontakt zuerst den Menschen sehen, nicht die Transaktion: Ob beim Abräumen von Gläsern oder im sechsstelligen B2B-Pitch – wer jedem Fremden mit der Offenheit begegnet, aus der echte Freundschaften entstehen, hebt sich sofort von 99 Prozent aller kalt kalkulierenden Verkäufer ab.
- Die wahren Werte und Motive des Gegenübers ergründen: Nicht jeder Kunde lässt sich durch Zahlen, Rabatte oder Status beeindrucken. Wer genau hinhört, erfährt schnell, ob sein Gesprächspartner nach Sicherheit, nach unternehmerischer Freiheit, nach Entlastung oder nach einer gemeinsamen Vision sucht.
- Vertrauen durch Beständigkeit und ethische Klarheit verdienen: Eine tragfähige Geschäftsbeziehung entsteht nicht durch einen einmaligen Überredungstrick, sondern durch Verlässlichkeit über Wochen, Monate und Jahre hinweg – getragen von echter Eigenverantwortung für den Erfolg des Kunden.




