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Wenn ein Unternehmen einen schweren Einschlag erlitten hat – sei es der Verlust eines wichtigen Marktes, ein gescheitertes Großprojekt oder eine schmerzhafte Restrukturierung –, verordnet das Management zu Recht erst einmal Schutzmaßnahmen. Budgets werden eingefroren, Risiken minimiert, Prozesse auf Sicht gefahren. Das Problem entsteht jedoch Monate später, wenn die akute Verletzung längst ausgeheilt ist: Aus der notwendigen Übergangslösung ist unbemerkt eine chronische Schonhaltung geworden. Die Organisation humpelt weiter durch den Markt, obwohl sie längst wieder voll belasten könnte.

Wie gefährlich ein solches antrainiertes Schonmuster ist und wie man es durchbricht, veranschaulicht eine drastische Anekdote aus meiner Zeit im französischen Gefängnis Saint-Mihiel, die ich in Folge 3: Abhängigkeit, Transfer, Körperbruch und psychischer Wiederaufbau erzähle.

Das Phänomen „Georgius“: Wenn der Kopf weiterhumpelt, obwohl das Bein gesund ist

Nachdem ich mir beim Badmintonspielen in der Gefängnissporthalle die rechte Achillessehne zur Hälfte abgerissen hatte, verbrachte ich zweieinhalb Monate mit einem Kunststoffgips und Krücken. Schon während die Sehne noch eingegipst war, versuchte ich täglich, den Fuß minimal im Gips anzusteuern, damit die neuronalen Verbindungen zwischen Gehirn und Muskulatur nicht verkümmerten.

Als der Gips im September endlich abgenommen wurde, war das Gewebe zwar wieder zusammengewachsen, doch das normale Gangbild war verschwunden. Ich begann, gemeinsam mit meinem ungarischen Freund und Trainingspartner Miki Runden um den Kunstrasenplatz des Gefängnisses zu drehen. Dabei verfiel ich unbewusst immer wieder in ein deutliches Humpeln – halb aus muskulärer Gewohnheit, halb aus der unbewussten Angst heraus, die Sehne erneut zu überlasten.

Miki beobachtete das ein paar Runden lang und zeigte dann auf einen fast sechzigjährigen griechischen Mitgefangenen namens Georgius, der täglich krumm und schief über das Stockwerk humpelte. Niemand im Gefängnis glaubte Georgius noch, dass sein Bein tatsächlich kaputt war; der Mann hatte sich nach einer alten Verletzung schlichtweg über Jahre hinweg diesen Humpelgang antrainiert, bis er nicht mehr normal laufen konnte. Miki stellte mich vor die Wahl: „Willst du irgendwann so herumlaufen wie Georgius? Lauf gescheit! Und jedes Mal, wenn du wieder anfängst zu humpeln, gebe ich dir eine ins Genick.“

Unbequemes Feedback statt falsches Mitleid

Miki meinte diese Ankündigung vollkommen ernst. Sobald ich auf der Laufbahn unbewusst in meine Schonhaltung zurückfiel und zu stark humpelte, hielt der kampferprobte Ungar an – und verpasste mir einen derart kräftigen Schlag ins Genick, dass ich mich sofort wieder zusammenriss und bewusst sauber abrollte.

Es war eine rabiate Methode, die mich im ersten Moment ärgerte. Gleichzeitig erkannte ich sofort die Wahrheit dahinter: Während mich der offizielle Physiotherapeut zweimal pro Woche nur halbherzig abfertigte, war Miki der Einzige, der nicht zuließ, dass aus einer vorübergehenden Verletzung eine lebenslange Behinderung wurde.

Mehr über Führung, Disziplin und mentale Stärke: Einen umfassenden Überblick über Marco Deutschmanns Medienauftritte, Vorträge und Interviews bietet die Presse- und Medienseite.

Was Unternehmen und Führungskräfte aus dem Lauftraining in Saint-Mihiel lernen

Übertragen auf die Führung von Teams und Organisationen nach schwierigen Phasen liefert diese Szene drei entscheidende Impulse:

  1. Der „Gips“ im Unternehmen darf nicht zur Unternehmenskultur werden: Notfallregeln, starre Freigabeprozesse und defensive Vorsicht sind wie ein Gipsverband: Sie schützen in der Akutphase, lassen jedoch bei Dauergebrauch die Muskulatur der Organisation verkümmern.
  2. Falsches Mitleid zementiert Mittelmaß: Wer einem Mitarbeiter oder einem Team nach einem Rückschlag dauerhaft geringere Standards durchgehen lässt, hilft ihm nicht – er macht ihn zum „Georgius“. Echte Wertschätzung zeigt sich darin, einem Menschen wieder die volle Leistung zuzutrauen.
  3. Jede Führungskraft braucht einen Sparringspartner, der Schonhaltungen sofort unterbricht: Je höher ein Entscheider in der Hierarchie steht, desto seltener wagt es jemand im eigenen Haus, ihn auf seine eigenen Ausreden oder Vermeidungsmuster hinzuweisen. Ohne ein unbestechliches Korrektiv von außen schleifen sich nach Niederlagen defensive Muster ein, die jahrelang Wachstum kosten.

Fazit: Sauber abrollen statt sich hinter alten Narben zu verstecken

Jeder Rückschlag hinterlässt Narben. Doch eine Narbe ist kein Grund, den Rest des Lebens schief durch die Welt zu gehen. Wer nach einer überstandenen Krise wieder an die Spitze will, muss den Mut haben, den Fuß wieder voll aufzusetzen – und dankbar sein für jeden ehrlichen Wegbegleiter, der kein Humpeln akzeptiert.

Dein nächster Schritt

Hast Du das Gefühl, dass Du selbst oder Dein Unternehmen nach einer schwierigen Marktphase in einer defensiven Schonhaltung feststeckt, obwohl längst wieder voller Angriff möglich wäre? In meinem Mentoring-Programm bin ich Dein unbestechlicher Sparringspartner: Ohne Schönfärberei decken wir jede eingefahrene Schonhaltung auf und bringen Deine Organisation wieder in den vollen, kraftvollen Schritt.

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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