Kein erfolgreicher Unternehmer und keine verantwortungsbewusste Führungskraft wacht morgens mit dem Vorsatz auf, sich in eine ungesunde Abhängigkeit zu begeben. Solche Prozesse verlaufen immer schleichend und tarnen sich zu Beginn als pragmatisches Risikomanagement: Es beginnt mit dem abendlichen Glas Wein oder dem Beruhigungsmittel, um nach sechzehn Stunden Dauerstrom überhaupt abschalten zu können; oder auf unternehmerischer Ebene mit der Abhängigkeit von einem einzigen Großkunden, billigen Überbrückungskrediten oder toxischen Umsatzbringern, die man aus Angst vor einer Durststrecke nicht mehr loslassen kann.
Wie schnell selbst disziplinierte Menschen in eine solche Spirale geraten – und wie die Befreiung daraus gelingt –, schildere ich mit schonungsloser Offenheit in Folge 3: Abhängigkeit, Transfer, Körperbruch und psychischer Wiederaufbau.
Horten aus Angst: Wie die Abhängigkeit im Kopf beginnt
Während meiner ersten Monate im Pariser Untersuchungsgefängnis Villepinte litt ich unter dem enormen psychischen Druck, dem nächtlichen Lärm und der permanenten Ungewissheit. Um abends überhaupt Ruhe zu finden, begann ich, verschriebene Beruhigungstabletten (Lexomil) einzunehmen. Aus einer Vierteltablette wurde bald eine ganze.
Noch verräterischer als die steigende Dosis war jedoch mein Verhalten: Aus der tiefen Angst heraus, der Nachschub könne eines Tages abreißen, begann ich im Gefängnis Handel zu treiben, um immer mehr dieser Tabletten zu horten. Am Ende besaß ich eine prall gefüllte Plastiktüte mit über hundert Tranquilizern. Obwohl ich mich selbst als absoluten Gegner von Drogen sah, war ich unbemerkt in eine handfeste Abhängigkeit gerutscht – getrieben von der Illusion, ohne diese chemische Krücke die Kontrolle zu verlieren.
Der Weckruf im Schimmelbunker von Fresnes
Als ich schließlich in das Provinzgefängnis Saint-Mihiel verlegt werden sollte, führte mich der Gefangenentransport zunächst für ein langes Wochenende in das berüchtigte Pariser Transitgefängnis Fresnes – eine völlig verschimmelte, mittelalterlich anmutende Festung, in deren winzigen Garagenhöfen riesige Ratten durch den Beton krochen. Dort teilte ich mir eine hohe Dreimannzelle mit einem Gefangenen aus Suriname und einem schwarzen Briten.
Der Brite bemerkte sofort, dass ich mir abends heimlich ein Stück meiner geschmuggelten Tabletten einwarf, und begann etwas Unglaubliches: Er redete das gesamte Wochenende lang – selbst nachts, während er neben meinem Hochbett stand – ununterbrochen auf mich ein, wie diese Tranquilizer das Gehirn in Matsch verwandeln, die Muskulatur zerstören, die Organe schädigen und stolze Männer in willenlose Zombies verwandeln. In diesem Moment hielt ich meinen Zellengenossen noch für einen Verrückten – doch seine Worte gruben sich tief in mein Unterbewusstsein.
Der Spiegel am Zellengitter von Saint-Mihiel
Die eigentliche Entscheidung fiel wenige Tage später bei der Ankunft im Empfangstrakt von Saint-Mihiel. Während ich in einer offenen Gitterzelle auf meine Registrierung wartete, beobachtete ich in der Nachbarzelle einen rumänischen Gefangenen. Der Mann hatte exakt dieselbe prall gefüllte Tüte mit Tranquilizern im Gepäck wie ich – und tobte nun eine halbe Stunde lang wie von Sinnen, schrie die Beamten an und schlug gegen die Eisenstäbe, um seine Tabletten sofort ausgehändigt zu bekommen.
Als der Rumäne seine Tüte schließlich bekam, dachte ich im ersten Impuls: Perfekt, das funktioniert, ich hole mir meine Tüte jetzt auch. Doch als mir die Wärter ruhig erklärten, ich müsse dafür nur kurz zur Gefängnisapotheke gehen, sah ich plötzlich zwei Bilder gleichzeitig vor meinem geistigen Auge: den warnenden Briten aus Fresnes und den wie ein Tier am Gitter tobenden Rumänen. In diesem Bruchteil einer Sekunde erkannte ich die ungeschminkte Wahrheit: Ich bin ein Tabletten-Junkie geworden, ohne es zu merken.
Noch in derselben Sekunde traf ich eine unumstößliche Entscheidung. Ich ging weder an diesem Tag noch an irgendeinem anderen Tag zur Apotheke, um meine hundert gehorteten Tabletten abzuholen. Selbst als mir kurz darauf die Achillessehne riss, nahm ich lediglich in der ersten Nacht im Krankenhaus eine einzige Schmerztablette – und rührte danach nie wieder ein Betäubungsmittel an.
Drei Lektionen für die Selbstführung von Entscheidern
- Die eigenen „Lexomil-Tüten“ im Alltag erkennen: Was immer ein Unternehmer oder eine Führungskraft hortet oder krampfhaft verteidigt, weil der Glaube herrscht, ohne dieses Hilfsmittel den Druck nicht auszuhalten, kontrolliert längst den Menschen statt umgekehrt.
- Das abschreckende Beispiel als Spiegel nutzen: Oft erkennt man die eigenen blinden Flecken erst dann, wenn man das gleiche Verhalten in seiner Endstufe bei jemand anderem beobachtet. Ehrliche Selbstreflexion bedeutet, in diesem Moment nicht wegzuschauen, sondern die Parallele sofort einzugestehen.
- Radikale Schnitte schlagen langsames Ausschleichen: Bei falschen Abhängigkeiten – ob im persönlichen Lebensstil oder bei faulen Kompromissen im Geschäftsmodell – funktioniert kein halbherziges „Vielleicht morgen weniger“. Wahre Freiheit entsteht in der Sekunde, in der man die Tüte für immer beim Arzt liegen lässt.
Fazit: Klarheit braucht einen unbetäubten Geist
Schmerz, Ungewissheit und Druck gehören zu jeder großen unternehmerischen und menschlichen Herausforderung. Wer versucht, diese Signale künstlich wegzudrücken, bezahlt dafür mit seiner geistigen Schärfe und seiner Unabhängigkeit. Erst wer den Mut hat, der Realität vollkommen nüchtern ins Auge zu blicken, gewinnt die volle Herrschaft über sein Leben zurück.




