Wie sich ein Hochstapler in das engste Umfeld schleicht
Jeder Unternehmer kennt die Verlockung: Plötzlich tritt ein neuer Partner, Berater oder Mitgründer auf den Plan, der vor Ideen sprüht, über scheinbar erstklassige familiäre oder geschäftliche Verbindungen verfügt und auf jede komplexe Frage sofort eine brillante Antwort parat hat. Die Pläne klingen gigantisch, die Ausarbeitungen wirken hochprofessionell – und erst wenn die Katastrophe einschlägt, stellt man fest, dass man einem Meister der Manipulation aufgesessen ist.
Genau diese schmerzhafte, jedoch unbezahlbare Lektion für mein späteres Unternehmertum (Entrepreneurship) erlebte ich im Jahr 2008 im französischen Gefängnis Saint-Mihiel.
Zu diesem Zeitpunkt gehörte ich dort zu einer festen, respektierten Vierergruppe: Dazu zählten mein väterlicher Mentor Miki, der unberechenbare Litauer Mindy und der über fünfzigjährige Bankräuber Gérard, der früher im Hollywood-Stil mit Schweißgeräten Banktresore knackte und im Gefängnis mit seinem vergitterten Aluminium-Wagen für Besuchspakete ein florierendes Nebengeschäft mit geschmuggeltem Rasierwasser, Parfüm und Deodorants gegen Zigaretten betrieb.
Eines Tages kam ein Neuzugang auf das Stockwerk: ein rund 1,88 Meter großer, extrem magerer Franzose namens Michel. Er stellte sich als „Michel Antoine Filippi“ vor – angeblich der leibliche Sohn eines der mächtigsten korsischen Mafiabosse Frankreichs.
Kompetenz als Köder: Gnocchi, EGMR-Anträge und Milchpulver-Möbel
Michel prahlte nicht plump herum. Er gewann das Vertrauen unserer Gruppe über echte, greifbare Wertschöpfung im Alltag:
- Kulinarische und praktische Fähigkeiten: Er kochte für die Gruppe frische Gnocchi und zeigte mir zum ersten Mal im Leben, wie man aus reinem Eigelb und Öl durch geduldiges Schlagen echte Mayonnaise herstellt.
- Juristische Brillanz: Er kannte das französische Strafrecht in- und auswendig und verfasste für mich die komplexe Beschwerdeschrift an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), die tatsächlich angenommen wurde.
- Handwerkliche Genialität: Als Michel mit dem Litauer Mindy eine größere Doppelzelle bezog, bauten die beiden aus dicken Waschpulver-Kartons ein komplettes Wandregal-System. Weil der normale Gefängniskleber zu schwach war, rührten sie das tägliche Milchpulver-Sachet vom Chicorée-Kaffee mit wenigen Tropfen Wasser zu einem extrem starken Eiweiß-Kleister an. Wochenlang sammelten Mindy und ich bei der Essensausgabe sämtliche Milchpulver-Beutel des Stockwerks ein, bis die Zelle mit stoffbezogenen Regalen und indirektem Licht aussah wie ein echtes Wohnzimmer.
Das „Tomorrowland“-Projekt auf dem Zellentisch
Als kurz darauf mein Mentor Miki nach Tschechien entlassen wurde und auch Bankräuber Gérard wegfiel, rückte ich noch enger mit Michel zusammen. Gemeinsam mit einem senegalesischen Mitgefangenen namens Seni schmiedeten wir den Plan, direkt aus der Haft heraus ein großes Event-Unternehmen zu gründen (denn auch in Haft ist man voll geschäftsfähig).
Was Michel daraufhin ablieferte, wirkte wie die Arbeit eines hochbegabten Architekten und Strategen: Auf mehreren zusammengeklebten Papierbögen in der Größe einer riesigen Straßenkarte zeichnete er – mithilfe von Konservendosen für exakte geometrische Kreise und Radien – einen maßstabsgetreuen Geländeplan für ein gigantisches Musikfestival nach dem Vorbild von Tomorrowland. Jede Bühne, jeder Sicherheitszaun, jedes Sanitätszelt, die Toilettenwagen und die Verkaufsstände waren millimetergenau eingezeichnet. Am Gefängniscomputer tippte Michel die Unternehmensstatuten, den Businessplan und die Arbeitsverträge. Über eine Anzeige draußen stellten wir sogar eine schwangere Assistentin ein, die für das Projekt Recherchen und Korrespondenz übernahm.
Erst als Michel ein zweites Geschäftsmodell vorschlug – ein grenzüberschreitendes Fahrzeug-Leasing-Karussell namens „Aethus“, bei dem Autos über mehrere Länder hinweg importiert und exportiert werden sollten, um in jedem Land vorab die Mehrwertsteuer zu ziehen –, wurde ich stutzig, weil das Konstrukt gefährlich nah am Steuerbetrug schrammte.
Der Knall: In der eigenen Gefängniszelle von der Polizei verhaftet
Gleichzeitig bemerkte ich eine schleichende psychische Veränderung an mir selbst: Obwohl Michel sich als Freund ausgab, streute er im Gespräch ständig subtile Abwertungen, Intrigen und psychologische Nadelstiche („Psycho-Mobbing“) ein, die mich emotional so stark herunterzogen, dass ich plötzlich zum Gefängnispsychologen gerufen und nach einem Test fälschlicherweise als „suizidgefährdet“ eingestuft wurde – was mir wochenlang stündliche nächtliche Lichtkontrollen in meiner Zelle einbrachte.
Und dann kam der Tag, den das Gefängnis Saint-Mihiel noch nie erlebt hatte: Mitten am Tag marschierte die reguläre französische Polizei in die Haftanstalt, trat in meine Zelle – und verhaftete mich, Mindy und Michel im Gefängnis. In Handschellen wurden wir drei vor den Augen der grölenden Mitgefangenen abgeführt und zur Polizeiwache draußen gebracht.
Im Verhörraum erfuhr ich die ganze Wahrheit:
- „Michel Antoine Filippi“ hatte nicht das Geringste mit einer korsischen Mafiafamilie zu tun – er hatte den berühmten Nachnamen frei erfunden.
- Er war ein landesweit berüchtigter Serien-Hochstapler, der von Gefängnis zu Gefängnis wanderte und immer nach derselben Masche Scheinfirmen gründete.
- Die schwangere Assistentin draußen hatte keinen einzigen Cent Gehalt gesehen, und den inzwischen entlassenen Mitgefangenen Seni und dessen Familie hatte Michel aus der Zelle heraus massiv erpresst.
- Der Clou: Weil man ihm in den großen Pariser Haftanstalten nie das Handwerk legen konnte, hatten ihn die Behörden absichtlich in das kleine 200-Mann-Gefängnis Saint-Mihiel verlegt. Nur der Direktor und die Vollzugschefin waren eingeweiht. Sie hatten ihm bewusst Zugang zum Computer gewährt und seine gesamten Briefe monatelang überwacht, bis er sich sicher fühlte und die Falle zuschnappte!
Um meine unmittelbar bevorstehende Überstellung nach Deutschland nicht um über ein Jahr zu gefährden, legte ich bei der Polizei wahrheitsgemäß offen, was wir am Zeichentisch geplant hatten. Michel wanderte sofort in den Bunker. Während der hartgesottene Litauer Mindy in seinem Kriminellen-Stolz tagelang völlig gebrochen war, weil ausgerechnet er auf einen Betrüger hereingefallen war, verbuchte ich die Erfahrung sofort als unbezahlbares Lehrgeld:
Drei Due-Diligence-Gesetze für jeden Unternehmer
- Brillante Pläne und Fachwissen ersetzen niemals die Charakterprüfung: Michel konnte juristische Schriftsätze für den EGMR verfassen, maßstabsgetreue Festivalpläne zeichnen und Businesspläne schreiben. Viele Betrüger im Wirtschaftsleben sind fachlich hochintelligent. Bei jedem neuen Partner gilt es immer zuerst die überprüfbare Historie und die Referenzen zu prüfen – niemals nur die schöne PowerPoint-Präsentation oder große Namen („Mafiasohn“).
- Auf das eigene Energielevel als Frühwarnsystem achten: Noch bevor die Polizei anrückte, spürte ich, dass es mir in Michels Nähe psychisch immer schlechter ging. Wenn ein Geschäftspartner, Berater oder Mitarbeiter sein Umfeld durch subtile Kommentare permanent kleinmacht, Zweifel sät oder die Stimmung vergiftet, muss man sofort die Reißleine ziehen.
- Fehlgriffe ohne falsches Ego als Lehrgeld verbuchen: Während Mindy an seinem verletzten Stolz zerbrach, hakte ich die Episode sofort als „Champions-League-Training in Menschenkenntnis“ ab. Wer im Business getäuscht wurde, sollte keine Monate mit Selbstmitleid verschwenden – sondern das Muster analysieren, die eigenen Filter schärfen und gestärkt weitergehen.




