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Der Mann, der ohne Regelkenntnis den Tisch abräumt

Im Aufenthaltsraum der Küchenmannschaft in der JVA Heimsheim gab es ein abendliches Ritual: Es wurde Poker gespielt. Der Einsatz war die härteste Genuss-Währung des deutschen Strafvollzugs – quadratische Tafeln Ritter-Sport-Schokolade, die draußen rund 60 Cent und im Gefängniseinkauf glatte einen Euro kosteten.

Am Tisch gab es einen unangefochtenen Platzhirsch namens Linus. Linus gab sich gerne als italienischer Mafiosi, dominierte die Runde mit lautem Auftreten und gewann an über 90 Prozent der Abende die Schokoladentafeln seiner Mitspieler. Eines Abends setzte ich mich dazu. Das Kuriose: Ich hatte keine Ahnung von Poker. Ich kannte zu Beginn nicht einmal die genaue Rangfolge der Blätter oder die taktischen Lehrbuchregeln des Spiels.

Dennoch passierte etwas, das die gesamte Runde verblüffte: Wann immer ich mitspielte, gewann nicht mehr Linus – sondern ich.

Mein Geheimnis bestand aus exakt zwei Fähigkeiten, die ich in den harten Jahren in Frankreich und Stammheim bis zur Perfektion geschärft hatte:

  1. Menschen lesen (Nonverbale Dekodierung): Ich schaute kaum auf meine eigenen Karten, sondern beobachtete hochkonzentriert die Gesichter, die Atmung, die Schulterspannung und die Augenbewegungen meiner Mitspieler. Ich erkannte innerhalb von Sekundenbruchteilen, wer ein starkes Blatt hielt und wer nur bluffte.
  2. Wahrscheinlichkeitsrechnung im Kopf: Da ich ohnehin täglich Mathematik trainierte, berechnete ich anhand der bereits offenen Karten nüchtern die statistische Wahrscheinlichkeit für die verbleibenden Kombinationen.

Weil ich keine klassischen „Poker-Lehrbuchmuster“ spielte, war ich für Linus vollkommen unberechenbar. Je öfter Linus verlor, desto dünnhäutiger, lauter und ausfallender wurde der selbsternannte Mafiosi – bis die Situation eines Abends komplett eskalierte. Linus sprang auf, brüllte mich an, ich würde betrügen, griff mit beiden Händen einen massiven roten Plastik-Balkonstuhl und schlug ihn mit voller Wucht auf mich ein.

Ich riss blitzschnell meine Kampfsport-Deckung hoch (Bizeps ans Kinn, Hände an den Hinterkopf), sodass das Stuhlbein an meiner Deckung zersplitterte. Im selben Bruchteil einer Sekunde setzte ich aus vierzehn Jahren Taekwondo und Thaiboxen zu einer einzigen präzisen Gegenreaktion an: Ich sprang ab, landete mit dem Ellenbogen von oben auf dem Schädel des Angreifers, setzte einen Kick in die Rippen nach – und stoppte sofort, als Linus sich wegdrehte und keinen Widerstand mehr leistete. Kein blinder Blutrausch, kein Nachtreten. Drei Tage später entschuldigte sich Linus (nach einer diagnostizierten Gehirnerschütterung) per Handschlag bei mir; für die Küche erfanden wir gemeinsam eine harmlose Ausrede für das abgebrochene Stuhlbein, damit niemand in den Bunker musste.

Der noch härtere Kampf: Warum ich bei „Uwe“ die Fäuste in der Tasche ließ

So eindrucksvoll diese physische Selbstverteidigung wirkt – die eigentliche Meisterleistung in Sachen Selbstführung (Self-Leadership) verlangte mir Heimsheim in einer ganz anderen Situation ab, in der ich keinen einzigen Schlag ausführte.

In meiner Drei-Mann-Zelle lebte neben meinem Freund Olli ein Mitgefangener namens Uwe. Uwe saß wegen Betrugs ein – er hatte draußen als Vereinsvorstand eines Fußballclubs sämtliche Gelder veruntreut. In der Zelle entpuppte sich Uwe als passiv-aggressiver Psychoterrorist: Weil ihn angeblich Schnarchgeräusche störten, warf er monatelang mitten in der Nacht Plastikflaschen durch das Zimmer oder zerknüllte lautstark PET-Flaschen, sodass ich jede Nacht mehrfach aus dem Schlaf gerissen wurde.

Körperlich hätte ich diesen Mann in zehn Sekunden zusammenfalten können. Innerlich kochte ich vor Wut und Übermüdung. Doch mein strategischer Verstand analysierte die Machtarchitektur in der Küche: Uwe arbeitete im Küchenlager und hatte die dortigen Beamten durch Schmeichelei und Intrigen komplett um den Finger gewickelt. Wenn Uwe jemanden aus der Küche loswerden wollte, versteckte er heimlich verbotene Ware am Arbeitsplatz des Kollegen und gab den Wärtern anschließend einen „anonymen Tipp“. Die Wärter glaubten ihm jedes Wort.

„Ich wusste zu 100 Prozent: Wenn ich Uwe für seinen nächtlichen Psychoterror schlage, glauben die Beamten ihm. Dann fliege ich aus der Küche, bekomme einen Disziplinareintrag – und mein Traum vom Abitur in Freiburg ist für immer gestorben. Also stand ich vor der Wahl: Mein kurzfristiges Ego befriedigen oder mein Lebensziel retten.“

Ich entschied mich für mein Lebensziel. Monatelang hielt ich den nächtlichen Psychoterror aus, regulierte meine Wut jeden Morgen neu herunter und ließ mich zu keiner einzigen Tätlichkeit provozieren – bis die Zusage aus Freiburg da war.

Übungsfeld Theaterbühne: Vom Gefangenen zum „Bettlerkönig“

Selbst als es um den Preis für meine Bildung ging, blieb ich kompromisslos fokussiert. In Heimsheim hatte ich mich voller Begeisterung der Theater-AG angeschlossen, die unter der Leitung einer leidenschaftlichen älteren Regisseurin Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ einstudierte. Ich blühte auf der Bühne auf, lernte meine Texte als Einziger auf den Punkt auswendig und übernahm gleich zwei Rollen – darunter die des „Bettlerkönigs“.

Doch als der Brief aus Freiburg eintraf, fiel der Beginn des wichtigen zweiwöchigen Mathe-Vorkurses exakt auf den Termin der großen Theateraufführung. Die Theaterleiterin war empört, redete mir ins Gewissen und warf mir vor, ich ließe das gesamte Ensemble im Stich. Es war ein schmerzhafter innerer Konflikt, denn ich liebte die Bühne – doch meine Priorität stand felsenfest: Der Mathe-Vorkurs entschied über mein Abitur. Ich verzichtete auf den Applaus der Premiere, nahm den Zorn der Regisseurin in Kauf und ging nach Freiburg.

Drei Lektionen für Verhandlung, Führung und Fokus

  1. Den Menschen beobachten, nicht nur das Blatt: Ob am Pokertisch, im Einkaufsgespräch oder in einer Vertragsverhandlung – die meisten Menschen verraten ihre wahre Position durch ihre Körpersprache, ihre Atmung und ihre emotionale Reaktion auf Druck. Wer lernt, im Raum still zu beobachten, statt selbst am lautesten zu reden, gewinnt selbst gegen vermeintliche Routiniers.
  2. Niemals eine Schlacht schlagen, die den eigenen Krieg gefährdet: Uwe hätte eine Abreibung verdient gehabt – doch der Preis wäre mein Abitur gewesen. Im Business begegnet man immer wieder intriganten „Uwes“, die gezielt provozieren wollen. Vor jeder Reaktion gilt es zu prüfen: Dient dieser Konflikt dem großen Fünf-Jahres-Ziel – oder opfert man gerade seine Zukunft für zwei Minuten Genugtuung?
  3. Den kurzfristigen Applaus für das langfristige Fundament opfern: Die Theateraufführung in Heimsheim hätte einen schönen Abend und Schulterklopfen gebracht; der Mathe-Vorkurs in Freiburg brachte das Abitur mit 1,5 und das Informatikstudium. Wahre Eigenverantwortung zeigt sich darin, das Richtige über das Angenehme zu stellen.

Dein nächster Schritt

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Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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