Der Bruch in der vierten Klasse: Vom Hochbegabten auf die härteste Hauptschule
Wie schnell ein System das Potenzial eines jungen Menschen abschreiben kann, habe ich am eigenen Leib erlebt. Aufgewachsen bin ich im beschaulichen Stuttgarter Vorort Uhlbach – einer idyllischen Gegend mit rund dreitausend Einwohnern, die man damals oft als das heimliche „zweite Killesberg“ bezeichnete. Morgens auf dem Schulweg kaufte ich mir am Uhlbacher Platz beim Bäcker Hägeler eine frisch gebackene Brezel, und mit sechs Jahren wurde ich vorzeitig eingeschult, weil es hieß, ich sei hochbegabt.
Doch in der vierten Klasse kippte das Urteil der Schule ins genaue Gegenteil: Plötzlich wollte man den unruhigen, unterforderten Jungen so schnell wie möglich loswerden und schob mich auf die zweitschlimmste Hauptschule im Großraum Stuttgart ab – die Steinenbergschule in Hedelfingen.
Wer glaubt, Schulzeit sei immer ein geschützter Raum, hat eine solche Einrichtung nie von innen gesehen. Auf dem Schulhof regierte das unverblümte Recht des Stärkeren. Schüler kamen mit Baseballschlägern und Gaspistolen voller Pfefferpatronen in den Unterricht, Konflikte wurden mit roher Gewalt ausgetragen. Noch erschreckender war jedoch die Kapitulation vieler Lehrkräfte. Wir hatten einen Techniklehrer, der im Unterricht regelmäßig die Beherrschung verlor, mit massiven Holzklötzen nach uns Schülern warf und quer durch den Werkraum brüllte: „Du Armleuchter!“ Eine andere Lehrerin erschien chronisch alkoholisiert zum Unterricht. In einem solchen Umfeld lernt ein Heranwachsender normalerweise sehr schnell, jede Erwartung an das eigene Leben auf null herunterzuschrauben.
Der „Herr-Weiß-Effekt“: Ein Geodreieck und drei Sätze für die Ewigkeit
Inmitten dieses täglichen Chaos aus Langeweile, Unterforderung und Gewalt gab es jedoch einen einzigen Lehrer, den ich bis heute keine Sekunde vergessen habe. Er hieß Herr Weiß und war schon damals steinalt.
Eines Tages stellte uns Herr Weiß im Unterricht eine ganz schlichte Aufgabe und sagte: „Nehmt bitte ein leeres Blatt Papier heraus.“ Während die anderen Schüler noch unruhig kramten und abwarteten, was als Nächstes diktiert wird, nahm ich mein Geodreieck zur Hand und zog völlig selbstverständlich auf beiden Seiten exakt 2,5 Zentimeter breite Ränder und saubere Hilfslinien auf das leere Blatt.
Herr Weiß trat langsam an meinen Tisch, beugte sich über mein Blatt, betrachtete die vorbereiteten Linien und sagte ruhig zu mir: „Du bist intelligent.“ Ich blickte ihn irritiert an und fragte: „Warum?“ Daraufhin sah er mir direkt in die Augen und antwortete:
Dieser eine kurze Moment echter, ehrlicher Wahrnehmung wirkte auf mich wie ein Tropfen klares Wasser mitten in der Wüste. In einer Umgebung, in der sonst mit Holzklötzen geworfen und im Kollektiv nach unten getreten wurde, war Herr Weiß der Erste, der nicht das Klischee des „Hauptschülers“ sah, sondern eine kleine, eigenständige Vorleistung bemerkte und in Worte fasste. Dass mich später im Jugendalter selbst Fremde auf der Straße immer für einen Gymnasiasten hielten, weil meine Sprache und mein Auftreten nicht in die Hauptschul-Schablone passten, hatte seine Wurzeln auch in solchen Momenten der Selbstachtung.
Das Gegenstück in französischer Haft: Als Monsieur Glinder mein Aufgeben verweigerte
Jahre später erlebte ich die zweite Seite echter Führung (Leadership) unter noch extremeren Bedingungen – im französischen Provinzgefängnis Saint-Mihiel. Ich hatte dort im ersten Jahr unter enormer Anstrengung im Selbststudium und im Gefängnisunterricht Französisch gelernt – und zwar Französisch auf Französisch, inklusive Algebra und Buchstabenrechnen. Nachdem ich meinen ersten französischen Schulabschluss, das Certificat de Formation Générale (CFG), bestanden hatte, war ich mental erschöpft. Mir stand der Sinn nicht danach, mir auf Französisch auch noch das Diplôme National du Brevet (DNB) und das BEP mit Schwerpunkt Buchhaltung (Comptabilité) samt französischem Kontenrahmen durch den Kopf zu prügeln.
Also ging ich in das Büro des Schuldirektors Monsieur Glinder – eines rund 1,90 Meter großen, korpulenten Mannes mit tiefer Stimme und der gelassenen Ausstrahlung eines Weihnachtsmanns – und erklärte ihm: „Monsieur Glinder, ich höre auf. Ich habe keinen Bock mehr, jeden Tag hierherzukommen und zu büffeln.“
Monsieur Glinder hörte sich meinen Frust vollkommen ruhig an, lehnte sich zurück und sagte einen einzigen Satz: „Sie hören nicht auf.“ Als ich widersprach, dass ich sehr wohl aufhöre, weil ich keine Lust mehr hätte, antwortete er ungerührt: „Das ist mir völlig egal, ob Sie Lust haben oder nicht. Sie machen weiter.“
Ich verließ sein Büro mit einer riesigen Wut im Bauch und schimpfte den ganzen Abend in meiner Zelle über diesen sturen Direktor. Doch mitten in meinem Ärger dämmerte mir ein Gedanke: Moment mal – warum lässt dieser Mann mich eigentlich nicht gehen? Weil er weiß, dass ich es schaffen kann, und weil er mehr in mir sieht als meine momentane Bequemlichkeit. Ich machte weiter, bestand alle drei französischen Abschlüsse, holte später in Deutschland mein Abitur als Klassenbester mit 1,5 nach und ging an die Universität.
Drei Lektionen für moderne Führungskräfte und Mentoren
Ob im Klassenzimmer, hinter Gefängnismauern oder in der Führungsetage eines mittelständischen Unternehmens – die psychologischen Gesetze, nach denen Menschen über sich hinauswachsen oder innerlich kündigen, sind überall identisch:
- Menschen beim Richtigmachen erwischen: Durchschnittliche Vorgesetzte reagieren erst, wenn ein Fehler passiert, und werfen im übertragenen Sinn mit verbalen Holzklötzen. Exzellente Leader besitzen den geschärften Blick eines Herrn Weiß: Sie registrieren sofort, wenn ein Mitarbeiter eigenständig mitdenkt, einen Prozess vorbereitet oder die Extrameile geht, und sprechen diese Anerkennung konkret aus.
- Stärken spiegeln, bevor der andere sie selbst sieht: Ein einziger glaubwürdiger Satz aus dem Mund einer Autoritätsperson kann ein beschädigtes Selbstbild dauerhaft heilen. Wer Rhetorik und Kommunikation bewusst als Führungsinstrument nutzt, baut Menschen auf, statt sie kleinzuhalten.
- Fordern ist die höchste Form der Wertschätzung: Echte Führung bedeutet nicht, Mitarbeitern jede Anstrengung abzunehmen. Als Monsieur Glinder meine Ausrede ablehnte, bewies er echte Verantwortung und Haltung. Wer an das Potenzial eines Menschen glaubt, lässt ihn in einem Moment der Schwäche nicht einfach aufgeben.




