Die verführerische Droge namens Opferrolle
Wenn Menschen im Leben oder im Geschäft krachend scheitern, greift in der ersten Sekunde fast immer ein tief verankerter psychologischer Abwehrmechanismus: Man sucht die Schuldigen im Außen. Im Unternehmertum sind es wahlweise die unfähigen Mitarbeiter, die schwierige Konjunktur, die Politik, das Finanzamt oder ein unehrlicher Geschäftspartner. Im Privatleben sind es das Elternhaus, die falschen Freunde oder das vermeintliche Pech.
Diese Opferhaltung ist deshalb so verführerisch, weil sie im ersten Moment den Schmerz betäubt. Wer sich einredet, er sei nur das unschuldige Opfer widriger Umstände geworden, muss sich nicht mit dem eigenen Versagen konfrontieren. Er bekommt Mitleid – bezahlt dafür jedoch den höchsten Preis, den es in der Persönlichkeitsentwicklung (Self-Leadership) gibt: Er gibt seine gesamte Macht zur Veränderung aus der Hand.
Als ich Ende 2006 mit knapp drei Kilogramm Kokain im Koffer am Pariser Flughafen Charles de Gaulle verhaftet wurde, hätte ich auf dem Papier jede Menge Stoff für eine lebenslange Opfergeschichte gehabt. Wie ich im intensiven Talk mit Tim Gabel schilderte, war die Art und Weise, wie ich in diese dritte Kurierreise nach Südamerika hineingezogen worden war, an menschlicher Niedertracht kaum zu überbieten. Eine engste Bezugsperson, zu der ich aufgeschaut hatte und die ich liebte, hatte über einen fingierten Abschiedsbrief und einen inszenierten Suizidversuch im Krankenhaus mein Pflicht- und Hilfsgefühl ausgenutzt, um mich kaltblütig für ihre eigenen Interessen zu opfern. Mehr noch: Die Art, wie der Zollbeamte am Pariser Flughafen ohne jedes Suchen gezielt in meinen Koffer bohrte, ließ kaum einen Zweifel daran, dass ich im Vorfeld als Lockvogel verraten und ans Messer geliefert worden war.
Die Abrechnung auf der Betonpritsche: Niemand hielt mir eine Waffe an den Kopf
In den ersten Wochen meiner Haft in Paris wäre es das Leichteste der Welt gewesen, mich Tag und Nacht in diesem Verrat zu suhlen. Ich hätte jahrelang über die Hintermänner fluchen, die Härte der französischen Justiz beklagen und jedem Mitgefangenen erzählen können, wie übel man mir mitgespielt hatte.
Doch als ich allein in meiner kargen Zelle saß und die Nebelkerzen verrauchten, stellte ich mir selbst im Spiegel die eine schonungslose Frage, die mein gesamtes weiteres Leben drehte: Hatte mir in Stuttgart oder in Lima irgendjemand eine geladene Waffe an die Schläfe gehalten und mich gezwungen, in dieses Flugzeug zu steigen?
Die ehrliche Antwort lautete: Nein.
- Ich selbst war es gewesen, der auf dem Schillerplatz das schnelle Abenteuer gesucht hatte.
- Ich selbst war es gewesen, der bei der zweiten Reise gemerkt hatte, dass der Koffer für Edelsteine viel zu leicht war – und der diesen Warnhinweis aus Gier und Bequemlichkeit weggeschoben hatte.
- Ich selbst war es gewesen, der als erwachsener Mann mit freiem Willen durch die Sicherheitskontrolle marschiert war.
In dem Augenblick, in dem ich aufhörte, mich hinter der Manipulation anderer zu verstecken, und mir selbst ohne jede Ausflucht eingestand: „Ich bin aus eigenem Antrieb hier gelandet, und ich trage zu 100 Prozent die Konsequenz für mein Handeln“, geschah in meinem Inneren eine Befreiung, die kein Gefängnisschlüssel der Welt hätte bewirken können.
Das Paradoxon der Schuld: Warum Eigenverantwortung sofort frei macht
Für Außenstehende klingt es oft paradox: Warum sollte man sich besser fühlen, wenn man sich die volle Schuld für eine Katastrophe gibt, statt sie auf andere abzuwälzen?
Die Antwort ist reine Logik der Eigenverantwortung: Solange ein anderer schuld an meiner Lage ist, bin ich auch darauf angewiesen, dass sich im Außen etwas ändert, damit mein Leben besser wird. Ich mache mich zum hilflosen Passagier. Sobald ich jedoch anerkenne, dass meine eigenen Entscheidungen mich in diese Zelle gebracht haben, gewinne ich im exakt selben Atemzug meine volle Schöpferkraft zurück: Wenn meine Entscheidungen stark genug waren, mein Leben zu zerstören, dann sind meine zukünftigen Entscheidungen auch stark genug, mein Leben komplett neu aufzubauen!
An jenem Tag in Frankreich starb meine Opferrolle. Ich beschloss, keine einzige Minute mehr mit Selbstmitleid oder Groll zu verschwenden. Stattdessen übernahm ich das Kommando über die sechseinhalb Jahre, die vor mir lagen: Ich lernte auf der Zelle Französisch, erkämpfte mir meine Verlegung in die JVA Freiburg, holte hinter Gittern mit eiserner Disziplin mein Abitur nach, begann noch während der Haft mein Informatikstudium und legte den Grundstein für mein heutiges Unternehmertum.
Drei Lektionen für das kompromisslose Ende aller Ausreden
- Zwischen fremdem Verrat und eigener Entscheidung trennen: Natürlich gibt es im Leben und im Business Menschen, die falsch spielen, Verträge brechen oder Vertrauen missbrauchen. Dennoch hat man immer selbst entschieden, sich auf diese Menschen einzulassen, Warnsignale zu ignorieren oder Verträge ungeprüft zu unterschreiben. Wer seinen eigenen Anteil erkennt, wird beim nächsten Mal unangreifbar.
- Konsequenzen mit aufrechtem Gang tragen: Ein reifer Charakter jammert nicht über die Rechnung, wenn er zuvor das Menü selbst bestellt hat. Wer nach einem geschäftlichen Fehlgriff sofort die Verantwortung übernimmt, den Schaden reguliert und daraus lernt, gewinnt den Respekt seines gesamten Umfelds.
- Energie zu 100 Prozent in den Neuaufbau lenken: Groll und Schuldzuweisungen fressen exakt jene mentale Bandbreite auf, die man für die Lösung des Problems benötigt. Erst wer einen sauberen Schlussstrich unter das „Warum mir?“ zieht, hat den Kopf frei für das „Wie komme ich hier stärker wieder heraus?“.




