Der Zusammenprall im Fitnesscenter: Was gilt heute als „richtiger Job“?
In vielen Köpfen herrscht bis heute ein tief verankertes, fast schon museales Bild davon, was „echte Arbeit“ zu sein hat. Über Generationen hinweg galt eine simple Gleichung: Wer morgens früh aufsteht, acht Stunden lang am Fließband steht, auf der Baustelle schwitzt oder unter Tage im Bergwerk körperliche Schwerstarbeit verrichtet, der leistet etwas. Wer am Abend hingegen nicht physisch erschöpft nach Hause kommt oder seine Wertschöpfung vor einer Kamera, an einem Laptop oder über digitale Kanäle generiert, sieht sich schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, gar keinen richtigen Beruf auszuüben.
Als ich für mein Format UNCUT nach Hannover reiste und mich mit dem Wirtschaftsinformatiker, Podcaster (Mindset Hunters) und Coach Ziamant Murad unterhielt, kamen wir genau auf diesen gesellschaftlichen blinden Fleck zu sprechen. Wir hatten an diesem Tag bereits ein gemeinsames Format für seinen Kanal abgedreht und saßen nun für meine Episode zusammen. Ziamant schilderte mir eine Szene aus einem Video, die den aktuellen Generationen- und Wertekonflikt wie unter einem Brennglas sichtbar macht.
Ein junger YouTuber trainierte spätabends in einem Fitnesscenter, filmte seine Einheit mit der Kamera und wartete geduldig, bis die Fläche leer wurde. Schließlich sprach ihn ein rund fünfzigjähriger Mitarbeiter des Centers an und fragte beiläufig, was er eigentlich beruflich mache. Als der junge Mann antwortete, er sei YouTuber, winkte der ältere Angestellte abfällig ab: „Ach so, du hast also keinen normalen Job – das ist doch gar keine richtige Arbeit, die du da machst.“ Kaum war der Mann außer Hörweite, drehte sich der junge Creator zur Kamera und konterte trocken: „Witzig – und er steht den ganzen Tag im Fitnesscenter herum und redet mit Leuten, als wäre das echte Arbeit.“
Warum die alte Wirtschaft digitale Wertschöpfung systematisch unterschätzt
Als Ziamant mir diese Anekdote erzählte, mussten wir beide lachen – denn in dieser kurzen Begegnung steckt eine fundamentale Wahrheit über das moderne Unternehmertum (Entrepreneurship). Beide Parteien beurteilten den jeweils anderen nach einem völlig veralteten Maßstab aus dem Industriezeitalter. Der fünfzigjährige Mitarbeiter sah nur einen Jugendlichen mit einer Kamera, ohne die hundert Stunden Skripting, Schnitt, Suchmaschinenoptimierung und Vermarktung dahinter zu begreifen. Der junge Creator wiederum sah nur einen Mann am Tresen stehen, ohne dessen Verantwortung für Kundenbindung, Betriebsabläufe und Betreuung wahrzunehmen.
Ziamant brachte den strukturellen Wandel unserer Wirtschaft im Gespräch mit einer bestechenden Klarheit auf den Punkt:
Wer heute noch glaubt, digitale Medienproduktion, Coaching oder Online-Unternehmertum seien ein gemütlicher Zeitvertreib, hat die Mechanismen moderner Märkte nicht verstanden. Allein an jenem Drehtag in Hannover war ich aus der Schweiz angereist, wir hatten stundenlang Licht, Ton und Kamerawinkel eingerichtet, zwei komplette Langformate in höchster Konzentration produziert und wussten genau, dass im Anschluss noch Tage an Postproduktion, Schnitt und Distribution auf uns warten würden.
Wie ich im Dialog mit Ziamant betonte, erfordert dieser Beruf nicht bloß fleißiges Handeln, sondern tiefes technologisches und psychologisches Fachwissen. Allein das professionelle Color Grading – also die farbliche Nachbearbeitung von Videomaterial –, die Dramaturgie einer Sendung oder die strategische und rhetorische Vorgehensweise, um komplexe Inhalte verständlich zu transportieren, sind eigene Wissenschaften für sich. Einem digitalen Unternehmer abzusprechen, dass er arbeitet, ist genauso absurd, wie einem Kampfsportler zu erklären, sein Training sei kein echter Sport.
Der Preis der Ignoranz: Wer mit der Zeit nicht geht, geht mit der Zeit
Warum reagieren dennoch so viele etablierte Unternehmer, Führungskräfte und Arbeitnehmer mit Spott oder Abwehr auf neue Berufsbilder? Oft ist es ein unbewusster Selbstschutz. Wenn ein zwanzigjähriger Creator mit seinem Smartphone und einem klugen digitalen Geschäftsmodell in einem Monat mehr Umsatz erwirtschaftet als ein traditioneller Betrieb mit zwanzig Angestellten, stellt das die eigene Lebensleistung unbequem infrage. Es ist psychologisch einfacher, das Neue als „Spielerei“ abzuwerten, als das eigene Mindset einem ehrlichen Update zu unterziehen.
Zudem schenkt die neue Medienwelt jedem Einzelnen eine historische Freiheit, die Ziamant im Interview völlig zu Recht hervorhob: Im klassischen Fernsehen bekamen nur handverlesene Gesichter eine Plattform – und mussten sich dort oft einem engen redaktionellen Korsett unterwerfen. Ich habe diese Mechanismen bei meinen eigenen Fernsehauftritten über die Jahre selbst erlebt: Es ist die Produktion des Senders, und man folgt deren Spielregeln. Auf eigenen digitalen Kanälen hingegen trägt der Unternehmer die volle Eigenverantwortung, besitzt jedoch im Gegenzug die ungefilterte Hoheit über seine Botschaft, seine Werte und seine Zielgruppe.
Drei Lektionen für ein zeitgemäßes Verständnis von Arbeit und Leistung
- Ergebnis und Wertschöpfung schlagen sichtbaren Schweiß: Der Markt bezahlt niemanden dafür, wie schwer er körperlich leidet, sondern ausschließlich dafür, welchen Mehrwert, welche Lösung oder welche Aufmerksamkeit er für andere Menschen generiert. Unternehmer müssen lernen, Leistung vom reinen Zeit-gegen-Geld-Denken des Industriezeitalters zu entkoppeln.
- Die unsichtbare Infrastruktur hinter digitalen Berufen anerkennen: Was auf dem Bildschirm nach einem lockeren Gespräch aussieht, ist das Resultat eiserner Disziplin, technischer Präzision, Reisebereitschaft und monatelanger Vorarbeit. Wer digitale Kanäle für sein Unternehmen nutzen will, darf sie nicht als Nebenbei-Projekt behandeln, sondern muss sie wie eine professionelle Medienproduktion führen.
- Neugier statt Arroganz gegenüber jungen Märkten: Sobald eine Führungskraft ertappt wird, wie sie über neue Technologien, Plattformen oder Berufszweige die Nase rümpft, hat der Abstieg bereits begonnen. Statt fremde Lebensrealitäten zu belächeln, stellt sich ein kluger Stratege immer die Frage, welche Prinzipien dieser neuen Welt das eigene Geschäftsmodell bereichern können.




