Al Jazeera statt Tagesschau: Das unsichtbare Erbe der Herkunft
Viele junge Unternehmer, Kreative und Führungskräfte tragen einen tiefen, oft unausgesprochenen Konflikt mit sich herum: Auf der einen Seite brennt in ihnen der Wunsch, einen eigenen, unkonventionellen Weg zu gehen – als Gründer, Künstler, Coach oder digitaler Macher. Auf der anderen Seite lastet auf ihren Schultern der massive, oft schweigende Erwartungsdruck der eigenen Familie: Mach doch etwas Sicheres. Werd Arzt, Ingenieur, Beamter oder Anwalt. Oft führt diese Reibung entweder zu jahrelanger Selbstverleugnung oder zu einem schmerzhaften Bruch mit dem Elternhaus.
Als ich in Hannover mit Ziamant Murad – Wirtschaftsinformatiker, Host der Mindset Hunters und Coach für die junge Generation – für mein Format UNCUT zusammensaß, sprachen wir intensiv über genau diese Zerrissenheit zwischen zwei Welten. Bei meinem eigenen Großvater lief früher in meiner Kindheit abends immer verlässlich die Tagesschau im Hintergrund. Bei Ziamant zu Hause lief Al Jazeera. Seine Familie hat kurdische Wurzeln aus dem Iran und lebte lange im Irak – drei Kulturen, drei Sprachen und eine Familiengeschichte, die von Verfolgung, dem Iran-Irak-Krieg, dem Golfkrieg und dem verheerenden Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha gezeichnet war.
Ziamant erinnerte sich im Gespräch an alte Fotos aus seiner frühesten Kindheit, auf denen seine Eltern auf deutschen Straßen Informationsstände aufbauten, um Spendengelder für die Überlebenden in der Heimat zu sammeln. Erst als Erwachsener begriff er in voller Tiefe, was diese Vergangenheit für seine eigene Erziehung bedeutete: Seine Eltern waren durch Krieg und Existenzkampf tief traumatisiert – und konnten ihm viele Fragen rund um emotionale Entfaltung schlichtweg nicht beantworten, weil in ihrer ursprünglichen Welt ein völlig anderes Gesetz galt: das nackte Überleben.
Die DJ-Software und die Kreditkarte: Wenn zwei Realitäten kollidieren
Wie radikal diese beiden Welten im Alltag aufeinanderprallten, schilderte mir Ziamant anhand einer Szene aus den Jahren 2008 und 2009, die gleichzeitig humorvoll und tief berührend ist. Als Jugendlicher liebte er die amerikanische Musikkultur – von Aretha Franklin und Soul bis hin zu Tupac, Snoop Dogg, East-Coast- und West-Coast-Hip-Hop. Er lud sich ein Musikprogramm auf den Computer, begann leidenschaftlich, Beats und Vocals ineinanderzumischen, und träumte davon, als DJ aufzulegen.
Irgendwann reichte die kostenlose Testversion nicht mehr aus; er brauchte die Vollversion der Software, die man damals über das Portal chip.de herunterladen konnte – allerdings nur gegen Hinterlegung einer Kreditkarte. Für einen Teenager war das Online-Bezahlen damals noch absolutes Neuland. Also rief Ziamant seinen Vater ins Zimmer, zeigte stolz auf den Bildschirm, spielte ihm zwei gemischte Tracks vor und bat ihn um seine Kreditkarte für den Download.
Die Reaktion seines Vaters war ein Kulturschock in Reinform:
Für seinen Vater, der Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre aus einem Kriegsgebiet nach Deutschland gekommen war, sich hier unter großen Entbehrungen integriert hatte und in einer Gesellschaft aufgewachsen war, in der selbst ein einfacher Schulbesuch keine Selbstverständlichkeit war, existierten im Kopf nur vier ehrenwerte Berufe: Arzt, Ingenieur, Anwalt oder Richter. Warum? Weil man in einer zerstörten Gesellschaft Menschen braucht, die Körper heilen, Brücken bauen und Recht sprechen. Ein digitales Mischpult im Internet war in diesem Koordinatensystem nicht einmal als Beruf erkennbar.
„Elektrotechnik klingt wie der Tod“: Das Gefängnis des fremden Stolzes
Obwohl sein Vater ihn nie mit Gewalt dazu zwang, wirkte die moralische Verpflichtung gegenüber den Opfern der Eltern wie ein unsichtbares Gesetz. Ziamant hatte kein glänzendes Abitur, wollte seinen Eltern jedoch unbedingt beweisen, dass er es an die Universität schafft. Also rief er seinen besten Freund an und stellte eine einzige pragmatische Frage: „Bro, wie komme ich ohne Numerus clausus in diese verdammte Uni rein?“
Die Antwort lautete: Elektrotechnik. Dort wurde jeder Bewerber genommen. Ziamants erste Reaktion: „Elektrotechnik hört sich an wie der Tod.“ Und sein Freund bestätigte trocken: „Ja, ist es auch.“ Dennoch schrieb sich Ziamant ein – einzig und allein, damit seine Eltern stolz sein konnten. Als der Zulassungsbescheid im Briefkasten lag, platzte sein Vater fast vor Stolz. Und Ziamant betonte in unserem Gespräch ausdrücklich, dass er dieses Studium trotz aller Qualen als echtes Privileg empfand, das seinem Vater im Irak verwehrt geblieben war.
Später wechselte er in die Wirtschaftsinformatik, schloss sein akademisches Studium erfolgreich ab – und baute sich parallel genau die Welt aus Rhetorik, Podcasting und Mindset-Arbeit auf, für die sein Herz von Anfang an geschlagen hatte. Er lernte die wohl wichtigste Lektion der Persönlichkeitsentwicklung (Self-Leadership): Man kann die Geschichte und die Opfer seiner Eltern aus tiefstem Herzen ehren, ohne deren Angst- und Sicherheitsprogramm bis ans Lebensende weiterzuleben.
Drei Lektionen für den Ausbruch aus fremden Lebensentwürfen
- Verständnis ersetzt Groll: Eltern, die ihre Kinder in vermeintlich sichere Konzern- oder Beamtenbahnen drängen, handeln fast nie aus Bosheit, sondern aus Liebe, gepaart mit ihren eigenen historischen Ängsten. Wer die Biografie seiner Eltern versteht, hört auf, gegen sie zu kämpfen, und gewinnt die emotionale Ruhe für den eigenen Weg.
- Dankbarkeit bedeutet keine Lebensschuld: Es ist ein Zeichen von starken Werten, das Privileg von Bildung, Frieden und Sicherheit nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Doch niemand ist verpflichtet, sein eigenes Talent in einem ungeliebten Beruf zu begraben, nur um das Sicherheitsbedürfnis der vorherigen Generation zu beruhigen.
- Brücken bauen statt Welten zerreißen: Ziamants Weg zeigt eindrucksvoll, dass man zwei Welten vereinen kann. Er nutzte die akademische Disziplin der Wirtschaftsinformatik als solides Fundament und verband sie mit seiner Leidenschaft für Menschen, Sprache und Medien. Echte Eigenverantwortung beginnt dort, wo man das Steuer selbst in die Hand nimmt.




