In der öffentlichen Debatte im deutschsprachigen Raum werden zwei Begriffe fast immer wie unversöhnliche Todfeinde gegenübergestellt: auf der einen Seite der leistungsorientierte Kapitalismus, auf der anderen Seite das soziale Engagement für Menschen am Rande der Gesellschaft. Wer harte Umsätze, Gewinne und Kostenoptimierung fordert, gilt schnell als kalt; wer sich sozial engagiert, gilt in Wirtschaftskreisen oft als naiver Idealist.
Warum diese Trennung ein fundamentaler Denkfehler ist und wie sich knallharte betriebswirtschaftliche Rechnung mit tiefem menschlichem Sinn verbinden lässt, lege ich im Podcast Paradigmenwechsel: Überleben in Frankreichs Knast dar.
Die Brücke über den Fluss: Warum Zerstörung niemals ein Geschäftsmodell ist
Gleich zu Beginn des Gesprächs beantworte ich eine Frage, die mir nach fast sieben Jahren unter Schwerverbrechern, Kartellmitgliedern und Betrügern oft gestellt wird: Warum bin ich mit all diesem Insiderwissen nach meiner Entlassung nicht selbst kriminell geworden?
Meine Antwort ist das Ameisen-Prinzip: „Mein Wesen ist es nicht, jemand anderem zu schaden – weder einer Person noch dem Staat. Ich denke da wie eine Ameise: Wenn du allein über einen Fluss willst, gehst du unter. Wenn alle zusammen eine Brücke bauen, kommen wir alle rüber.“ Wer andere übervorteilt, betrügt oder Systeme zerstört, sägt am Ende immer an dem Ast, auf dem er selbst sitzt – denn auch der Staat und die Infrastruktur werden von uns allen getragen. Wahres Entrepreneurship bedeutet deshalb immer: aufbauen, unterstützen und Brücken schlagen, über die mehr Wertschöpfung fließen kann.
Kapitalismus in Reinform: Leistung belohnen und Chancen eröffnen
Im weiteren Verlauf des Podcasts bekenne ich mich ausdrücklich zum Leistungsprinzip des Kapitalismus: Wer etwas leistet, Probleme löst und Verantwortung trägt, soll dafür überdurchschnittlich vergütet werden. Je mehr Gewinn ein gesundes Unternehmen erwirtschaftet, desto größer wird sein Spielraum, um gesellschaftlich Gutes zu bewirken – so wie es in den USA durch eine ausgeprägte Spenden- und Förderkultur längst selbstverständlich ist.
Doch für mich geht das noch einen entscheidenden Schritt weiter: Soziale Verantwortung beginnt nicht erst beim Spendenscheck am Jahresende, sondern mitten im eigenen Recruiting und in der Gestaltung der Arbeitsplätze.
Die Tragödie von „Oleg“ – und der doppelte Gewinn bei Menschen, die sonst niemand sieht
Im Podcast erinnere ich mich an einen jungen russischen Mitgefangenen namens Oleg, Anfang zwanzig, der am untersten Ende der Gefängnishierarchie stand. Oleg war weder gewalttätig noch bösartig – im Gegenteil, er war im Umgang stets höflich, zurückhaltend und fair. Doch er war optisch stark entstellt, hatte kaum kognitive Ressourcen, keinerlei Schulabschluss und draußen nur sein altes kriminelles Umfeld. Kurz vor seiner Entlassung stand Oleg verzweifelt vor mir und sagte leise: „Marco, du weißt doch, was ich mache, wenn ich rauskomme: Ich klaue wieder. Was soll ich denn sonst machen? Schau mich an – wer stellt mich denn ein?“
Während das staatliche System solche Menschen ohne echtes Bildungs- und Bonussystem fallen lässt, ziehe ich daraus als Unternehmer eine glasklare Lektion für den Arbeitsmarkt in der Freiheit – insbesondere beim Einsatz von Menschen mit körperlichen Behinderungen oder Brüchen im Lebenslauf:
- Die nüchterne kaufmännische Rechnung: Während viele Arbeitgeber aus Unsicherheit oder Berührungsängsten Abstand halten, rechne ich meinen Beratungskunden vor, warum die Einstellung beispielsweise eines Rollstuhlfahrers im Büro betriebswirtschaftlich hochintelligent ist: Der Arbeitsplatz wird staatlich gefördert, die Lohnnebenkosten sinken, die Fluktuation geht gegen null und die Fehlzeitenquote ist oft deutlich niedriger als beim Durchschnitt.
- Der menschliche und kulturelle Hebel: Wer sich als Unternehmer um genau jene fähigen Menschen kümmert, denen der reguläre Markt aus oberflächlichen Vorurteilen keine Chance gibt, gewinnt doppelt: Er verändert das Leben eines Menschen fundamental – und gewinnt im Gegenzug die loyalsten, dankbarsten und engagiertesten Mitarbeiter, die man sich wünschen kann.
Drei Impulse für Recruiting und Unternehmenskultur im Mittelstand
- Hinter den glatten Standard-Lebenslauf blicken: In Zeiten des Fachkräftemangels jagen alle Unternehmen denselben fünf Prozent an stromlinienförmigen Bewerbern hinterher. Die größten ungenutzten Potenziale liegen bei Menschen mit Ecken, Kanten, körperlichen Einschränkungen oder ungewöhnlichen Biografien, die auf ihre erste echte Bewährungschance brennen.
- Soziale Wirkung mit kaufmännischer Logik verbinden: Ein soziales Projekt im Unternehmen ist nur dann nachhaltig, wenn es sich auch wirtschaftlich trägt. Wenn staatliche Förderung, hohe Arbeitsplatztreue und echte Leistung zusammenkommen, entsteht eine echte Win-Win-Architektur.
- Ameisen-Brücken statt Einzelkämpfer-Silos bauen: Eine Unternehmenskultur, in der jeder Mitarbeiter nur auf Kosten des Kollegen glänzen will, ertrinkt im ersten Krisenfluss. Eine Kultur, in der Stärken so verzahnt werden, dass einer den anderen trägt, überwindet jedes Hindernis.
Fazit: Wer Chancen gibt, erntet unerschütterliche Loyalität
Profit und Menschlichkeit sind keine Gegensätze – sie bedingen einander. Ein starker Unternehmer sorgt zuerst dafür, dass der Laden hochprofitabel läuft, und nutzt genau diese Stärke, um Brücken für Menschen zu bauen, die das Vertrauen mit hundertprozentigem Einsatz zurückzahlen.




