Der Schock von Villepinte: Wenn Angst keine Option ist
Wenn mich Unternehmer oder Führungskräfte heute fragen, wie man in Zeiten von wirtschaftlichen Umbrüchen, drohenden Insolvenzen oder massivem Marktdruck einen kühlen Kopf bewahrt, muss ich oft an einen Ort zurückdenken, an dem ein einziger Moment der Schwäche über Leben und Tod entschied: das französische Untersuchungsgefängnis Villepinte im Norden von Paris.
Ich war damals dreiundzwanzig Jahre alt, maß 1,73 Meter, wog nach den ersten Tagen in Polizeigewahrsam gerade noch siebenundfünfzig bis einundsechzig Kilogramm und sah mit meinen blonden Haaren und blauen Augen aus wie der klassische Lieblingsschwiegersohn. In Villepinte gab es keinen sanften Einstieg. Es war eine Anstalt voller Gewalt, in der auf dem Hof fast täglich jemand niedergestochen wurde. Da es auf den zwölf Quadratmeter kleinen Zellen nur kaltes Wasser gab und an den Gemeinschaftsduschen regelmäßig Überfälle stattfanden, schärften sich Gefangene Metallteile an den gusseisernen Fenstergittern zurecht oder schmolzen Rasierklingen in Zahnbürsten ein. Wenn mein Zellengenosse duschen ging, stand ich mit einer Klinge in der Hand vor der Kabine Wache; wenn ich unter der Dusche stand, sicherte er mich ab.
Wie überlebt ein junger Mann mit knapp sechzig Kilo Körpergewicht sieben Jahre lang in einem solchen Umfeld, ohne innerlich zu zerbrechen, ohne vergewaltigt oder unterdrückt zu werden und ohne seinen Verstand zu verlieren?
Als ich diese Frage im großen Schweizer Podcast-Interview beantwortete, führte die Spur weit zurück in meine Kindheit – auf den harten Holzboden einer traditionellen Kampfsportschule.
Die Schule von Yüksel Özbay und die „60-Sekunden-Regel“
Mit vier Jahren hatte ich mit Judo begonnen, und mit neun Jahren kam ich zum traditionellen Taekwondo – jener ursprünglichen, kompromisslosen Kampfkunst, die 1955 vom südkoreanischen General Choi Hong-hi für das Militär entwickelt worden war. Mein damaliger Trainer Yüksel Özbay führte seine Sportschule in Esslingen am Neckar mit einer Härte und Disziplin, die heute kaum noch vorstellbar ist. Wir trainierten barfuß auf blankem Holz ohne weiche Matten; wer im Training weinte oder Schwäche zeigte, musste den Raum verlassen.
Dieses jahrelange körperliche und mentale Training war so extrem, dass ich später bei der Bundeswehr während der fünftägigen Sondermusterung für die Kampfschwimmer der Marine in Wilhelmshaven – bei der reihenweise Bewerber vor Erschöpfung aufgaben – das Gefühl hatte, auf einem lockeren Erholungscamp zu sein.
Vor allem jedoch hatte mir mein Meister Yüksel Özbay zwei mentale Grundgesetze tief in meine DNA eingebrannt, die mir in den französischen Gefängnissen buchstäblich das Leben retteten:
- „Es spielt keine Rolle, ob ich vor meinem Gegner Angst habe oder nicht – ich zeige sie niemals nach außen.“ Angst ist ein natürliches biologisches Warnsignal. Doch in einem feindseligen Umfeld entscheidet die sichtbare Körperhaltung in der ersten Sekunde darüber, ob man als Opfer oder als ebenbürtiger Gegner wahrgenommen wird.
- Die 60-Sekunden-Regel: „Selbst wenn mein Herz in diesem Moment aufhört zu schlagen, hat mein Körper noch für sechzig Sekunden Sauerstoff im Blut – und in diesen sechzig Sekunden gehe ich keinen einzigen Schritt zurück, sondern zwei Schritte nach vorn.“
Wer mit dieser absoluten inneren Entschlossenheit durch einen Gefängnishof geht, strahlt eine Frequenz aus, die jedes Raubtier sofort spürt. Die potenziellen Angreifer in Villepinte und später in Saint-Mihiel merkten instinktiv: Vielleicht können wir diesen Deutschen im Kampf besiegen – doch bevor er zu Boden geht, wird mindestens einer von uns einen extrem hohen Preis dafür bezahlen. Und weil Täter immer das leichte Opfer suchen, wurde ich respektiert und in Ruhe gelassen.
Psychologische Kriegsführung überstehen: Radikale Akzeptanz und Uhrwerk-Struktur
Als ich nach zweieinhalb Jahren in Frankreich nach Deutschland überstellt wurde, änderte sich die Art der Belastung komplett. Während in Frankreich die rohe physische Gewalt regierte, erlebte ich in deutschen Anstalten wie Saarbrücken, Stammheim oder Freiburg eine subtile psychologische Zermürbung.
Ich sah dort Mitgefangene, die sich monatelang auf ihren Entlassungstag freuten, am letzten Morgen ihre gepackte Kiste zur Kleiderkammer trugen – und dort an der Tür plötzlich einen neuen Haftbefehl für ein weiteres Verfahren überreicht bekamen, den man bewusst bis zur letzten Sekunde zurückgehalten hatte. Ich erlebte selbst, wie mir der Tod meines geliebten Großvaters von der Anstaltsleitung verschwiegen wurde, obwohl das amtliche Schreiben längst vorlag, sodass ich die Nachricht erst erfuhr, als meine Mutter und meine Tante unter Tränen im Besucherraum vor mir saßen – nur weil man befürchtete, ich könnte sonst aus Trauer randalieren.
Wie schützt man seine Psyche gegen solche unberechenbaren Schläge von außen? Meine Antwort im Sinne wahrer Resilienz bestand aus zwei unerschütterlichen Säulen:
- 1. Radikale Akzeptanz des Worst-Case-Szenarios: Statt wie viele andere Gefangene jeden Tag auf den Kalender zu starren und auf eine vorzeitige Entlassung nach der Hälfte oder zwei Dritteln der Strafe zu hoffen, sagte ich mir vom ersten Tag an: „Ich gehe davon aus, dass ich die vollen zehn Jahre bis zum letzten Tag hier drinnen bleibe. Ich mache hier mein Fachabitur, mein Abitur, meinen Bachelor und meinen Master.“ Wer das denkbar härteste Szenario im Kopf bereits vollständig akzeptiert und in einen konstruktiven Plan verwandelt hat, wird durch schlechte Nachrichten unverwundbar. Als das Gericht meine Strafe später auf achteinhalb Jahre reduzierte und ich nach gut sechseinhalb Jahren frei kam, war jeder gewonnene Monat ein reines Geschenk.
- 2. Ein Tagesablauf wie ein Schweizer Uhrwerk: Stillstand und Grübelei sind der Tod jeder mentalen Stärke. Deshalb strukturierte ich meine Tage hinter Gittern auf die Minute genau durch: Um 6:30 Uhr aufstehen, kalt duschen, um 7:20 Uhr Abmarsch zur Schule. Parallel übernahm ich den Job des Essensausgebers auf dem Stockwerk – nicht nur wegen der doppelten Essensrationen für mein Training, sondern weil meine Zellentür dadurch länger offen blieb. Nachmittags wieder Unterricht, anschließend eine volle Stunde hochintensives Krafttraining im Hof, abends Vokabeln und Mathematik lernen bis 22:00 Uhr. Mein Fernseher in der Zelle lief in der gesamten Woche nur ein einziges Mal für zwei Stunden bei einem guten Spielfilm; die restliche Zeit hing ein Handtuch darüber.
Was Unternehmer aus der Zelle für ihre Krisenfestigkeit lernen können
Im P.E.R.L.S.-System vermittle ich Führungskräften heute genau diese mentale Architektur. Wenn in einem Unternehmen ein Großkunde wegbricht, der Markt einbricht oder eine behördliche Prüfung droht, verfallen viele Entscheider in Schockstarre oder blinden Aktionismus, weil sie innerlich an der Illusion festhalten, es müsse sofort ein Wunder geschehen.
Echte Selbstführung (Self-Leadership) und Disziplin bedeuten das genaue Gegenteil: Man blickt der Realität ohne Selbstmitleid ins Auge, kalkuliert nüchtern den schlimmsten Fall durch, richtet den Oberkörper auf, geht innerlich zwei Schritte nach vorn – und arbeitet anschließend mit eiserner Tagesstruktur Schritt für Schritt an der Lösung.
Drei Lektionen für unzerbrechliche mentale Widerstandskraft
- Haltung schlägt Körpergewicht – in jeder Verhandlung: Ob im Gefängnishof oder am Konferenztisch mit einem übermächtigen Konzern: Wer seine Angst kontrolliert, aufrecht bleibt und bereit ist, für seine Werte kompromisslos einzustehen, wird niemals zum Spielball anderer.
- Hoffnungs-Abhängigkeit durch Worst-Case-Akzeptanz ersetzen: Wer sein seelisches Gleichgewicht an vage Hoffnungen knüpft, macht sich erpressbar durch äußere Umstände. Wer hingegen selbst für das härteste Szenario einen klaren Wachstumsplan in der Schublade hat, gewinnt sofortige innere Ruhe.
- In der Krise die eigene Tagesstruktur verschärfen, statt sie schleifen zu lassen: Wenn das Umfeld chaotisch wird, sind feste Routinen aus frühem Aufstehen, körperlichem Training, gesundem Fokus und gezielter Weiterbildung der stärkste Anker für den eigenen Geist.




