In der Geschäftswelt begegnet man täglich einer bestechend logisch klingenden Ausrede: „Wir würden ja gerne innovativer sein, unseren Vertrieb modernisieren oder in neue Märkte vorstoßen – uns fehlen dafür aktuell schlichtweg die Werkzeuge, das Budget und die Rahmenbedingungen.“ Auf den ersten Blick wirkt dieses Argument vernünftig. Auf den zweiten Blick entpuppt es sich als die bequemste Form der Selbstsabotage. Denn wer seine eigene Handlungsfähigkeit an das Vorhandensein perfekter Werkzeuge knüpft, übergibt die Verantwortung für seinen Erfolg vollständig an äußere Umstände.
Wie radikale Eigenverantwortung unter extremster Ressourcenknappheit aussieht, schildere ich in Folge 6: Stammheim: Die Hölle hat noch einen Keller. Als mir nach meiner Überstellung aus Frankreich sämtliche Trainingsmöglichkeiten entzogen wurden, erfand ich auf neun Quadratmetern meine eigene Infrastruktur.
Der Schock der 23-Stunden-Zelle: Vom Kraftraum ins Nichts
Als ich im Sommer 2009 in der JVA Stuttgart-Stammheim ankam, brachte ich ein Kampfgewicht von 81 Kilogramm massiver Muskulatur und einen Oberarmumfang von über 41 Zentimetern mit. In der französischen Strafhaftanstalt Saint-Mihiel hatte ich mir über Monate hinweg durch tägliches, gnadenloses Krafttraining Respekt und mentale Stabilität erarbeitet.
In der deutschen Untersuchungshaft prallte ich jedoch gegen eine völlig andere Realität: 23 Stunden am Tag war die Stahltür verschlossen. Es gab keinen Kraftraum, keine Hanteln und nur eine einzige Stunde Hofgang in einem komplett vergitterten Dachkäfig. Für die meisten Insassen war das der Punkt, an dem sie körperlich und geistig verfielen. Für mich stand fest: Verfall ist keine Option. Wenn das System keine Trainingsgeräte bereitstellt, muss die Zelle selbst zum Trainingsgerät werden.
Der umgedrehte Eisenstuhl und das hochgeklappte Bettgestell
Den ersten entscheidenden Impuls erhielt ich auf dem Hofgang von meinem polnischen Zellennachbarn Arkadius, dem ebenfalls sofort aufgefallen war, dass ich Kraftsportler war. Arkadius verriet mir drei unkonventionelle Methoden, mit denen sich die karge Stammheimer Zellenausstattung zweckentfremden ließ:
- Klimmzüge am fünf Kilogramm schweren Stahlstuhl: In der Zelle stand ein massiver Stuhl aus Stahlrohr mit Holzelementen. Drehte man diesen Stuhl kopfüber um und hängte ihn exakt in die Rauten des Fenstergitters ein, hielt die Konstruktion dem vollen Körpergewicht stand. Ich polsterte die einschneidenden Kanten provisorisch mit Schaumstoff ab und zog daran Satz für Satz enge Klimmzüge durch.
- Breites Rückentraining am senkrechten Bett: Da der Stuhl nur einen engen Griff erlaubte, nutzte ich eine Besonderheit meiner Zelle: Das schwere Rundrohr-Bettgestell war nicht im Betonboden verschraubt. Ich stellte das gesamte Bett hochkant an die Wand, klammerte mich oben an das breite Kopfteil und trainierte so meinen gesamten Rückenmuskel – sehr zur Verblüffung eines Vollzugsbeamten, der eines Tages mitten während dieses Zellenumbaus die Tür aufschloss.
- Bankdrücken unter dem Bett mit 24 Wasser-Milchkartons: Für das Brusttraining fehlte zunächst jedes Gegengewicht. Also kaufte ich beim Gefängniseinkauf gezielt Milch als Eiweißquelle – und zwar immer exakt in Einheiten von 12 oder 24 Packungen, weil die Lieferung nur ab zwölf Stück im stabilen Umkarton erfolgte. Jede leere Tetrapackung spülte ich aus, füllte sie randvoll mit Wasser und stapelte die schweren Paletten auf das Bettgestell. Anschließend legte ich mich auf den Rücken unter das Bett und drückte das gesamte Bettgestell samt den wassergefüllten Milchkarton-Paletten aus der Brust nach oben.
Die Steigerung in der Großküche: Taschen aus Gefängnisstoff und Salz-Flaschen
Als ich später in den Küchentrakt wechselte, perfektionierte ich dieses Improvisationstalent gemeinsam mit meinem türkischen Kollegen Fatih noch weiter. Über einen Kontakt in der Gefängnisschneiderei tauschten wir Tabak gegen maßgeschneiderte, extrem reißfeste Tragetaschen aus dickem Anstaltsstoff.
Anschließend kauften wir kiloweise Speisesalz und füllten 1,5-Liter-Getränkeflaschen mit einer hochgesättigten Salz-Wasser-Mischung, wodurch jede einzelne Flasche deutlich über zwei Kilogramm wog. Gebündelt in den Schneiderei-Taschen entstanden so schwere Hantelgewichte für das tägliche Bizeps- und Trizeps-Training auf dem Zellenstuhl. Und für das Beintraining setzten wir uns schlichtweg gegenseitig auf die Schultern und absolvierten schwere Kniebeugen.
Drei Gesetze der Ressourcen-Intelligenz für Entscheider
Was in Stammheim mit Stühlen, Betten und Milchkartons funktionierte, ist im Kern genau jene Denkweise, die erfolgreiche Gründer und Sanierer von Verwaltern unterscheidet:
- Ausstattung niemals mit Leistungsfähigkeit verwechseln: Marktführer scheitern oft genau deshalb an wendigen Herausforderern, weil sie glauben, für jedes Projekt erst ein Millionenbudget und eine glänzende Infrastruktur aufbauen zu müssen. Wer hungrig ist, nutzt das, was bereits im Raum steht.
- Die Funktion neu definieren, nicht den Gegenstand: Für einen gewöhnlichen Insassen ist ein Bett zum Schlafen da und ein Milchkarton Müll. Für einen lösungsorientierten Geist ist das Bett eine Langhantel und der Karton eine Gewichtsscheibe. Im Business gewinnt derjenige, der vorhandene Assets, Kontakte und Nebenprodukte völlig neu kombiniert.
- Disziplin duldet keine Unterbrechung durch äußere Umstände: Wer sein tägliches Training – oder seine tägliche Vertriebs- und Führungsroutine – davon abhängig macht, ob das Umfeld perfekt ausgestattet ist oder die Konjunktur günstig steht, verliert seinen Rhythmus. Standards gelten gerade dann, wenn die Umgebung unbequem ist.
Fazit: Wer einen Weg sucht, baut sich seine Hanteln selbst
Es gibt im Geschäftsleben fast nie ein echtes Ressourcenproblem – es gibt fast immer nur ein Einfallsreichtums- und Entschlossenheitsproblem. Wer aufhört, auf perfekte Bedingungen zu warten, verwandelt selbst die engste Zelle in einen Ort des Wachstums.




