In vielen Organisationen herrscht eine stille Übereinkunft der Mittelmäßigkeit: Man tut genau so viel, dass man nicht negativ auffällt, verbringt den Rest der Arbeitszeit mit dem Beklagen ungerechter Rahmenbedingungen und wartet auf den Feierabend. Wer in einem solchen Umfeld mehr leistet als gefordert, wird von Kollegen oft belächelt oder gar ausgenutzt. Viele talentierte Mitarbeiter passen ihre Leistung deshalb irgendwann nach unten an. Sie übersehen dabei jedoch, dass außergewöhnliche Exzellenz niemals unbemerkt bleibt – und oft genau dort Türen öffnet, wo formale Bewerbungen scheitern.
Ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Mechanismus schildere ich in Folge 6: Stammheim: Die Hölle hat noch einen Keller. Meine Erfahrung in der Großküche der JVA Stuttgart-Stammheim zeigt, welche Kraft entsteht, wenn ein Mensch seine Arbeitsmoral vollkommen unabhängig von äußeren Umständen definiert.
„Mir geht es nicht um den Chef – mir geht es um die Sache“
Als ich in der Stammheimer Großküche begann, in der täglich für rund 800 Gefangene gekocht wurde, startete ich auf der untersten Stufe der Hierarchie: in der heißen, feuchten Spülküche. Morgens ab halb fünf mussten dort riesige 500-Liter-Kessel und schwere Bleche vom Vortag mit Hochdruck ausgespritzt werden.
Als die anderen Gefangenen merkten, dass ich ohne Murren anpackte, schoben sie mir prompt noch mehr Arbeit zu und zogen sich selbst in den Pausenraum zurück. Doch ich ließ mich davon nicht beirren. Meine innere Haltung war glasklar: Im Pausenraum zu sitzen und sich stundenlang darüber zu beschweren, wie ungerecht die Welt und die Justiz seien, löste keines meiner Probleme. Während die anderen ihre Zeit absaßen, hielt ich die Spülküche auf Hochglanz – nicht um den Beamten zu gefallen, sondern aus dem eigenen Anspruch heraus, jede übernommene Aufgabe erstklassig zu erledigen.
Der Anruf nach zwanzig Jahren Dienstzeit
Durch diese Konsequenz stieg ich bald in die kalte Küche auf, wo ich die gesamten Abläufe für 800 Abendessen so radikal optimierte, dass ich eine Planstelle für drei Arbeitskräfte im Alleingang bewältigte. Dann kam der Tag meiner Gerichtsverhandlung vor dem Stuttgarter Landgericht – und der Schock einer Verurteilung zu sechseinhalb Jahren Haft. Da Stammheim primär eine Untersuchungshaftanstalt war, stand fest, dass ich bald in eine Strafhaftanstalt verlegt werden würde.
Kurz vor meinem Abtransport nahm mich der österreichische Küchenleiter Gurkenberger im Vertrauen zur Seite. Was der erfahrene Beamte mir unter vier Augen sagte, glich im rauen Kosmos des Strafvollzugs einer Sensation: Er verriet mir vorab, dass die Verlegung in die JVA Heimsheim gehen werde – und kündigte an, etwas zu tun, was er in über zwanzig Jahren Dienstzeit in der Stammheimer Küche noch für keinen einzigen Gefangenen getan hatte. Einen Monat nach meiner Ankunft in Heimsheim werde er persönlich bei der dortigen Küchenleitung anrufen und mich wärmstens empfehlen.
Als ich wenig später in Heimsheim eintraf und mich für die dortige Küche bewarb, wunderten sich die Mitgefangenen, warum ich bereits nach zwei Wochen in den begehrtesten Trakt der gesamten Anstalt einzog: eine offene Küchenabteilung in ehemaligen Büroräumen, mit 24 Stunden unverschlossenen Zimmertüren, eigener Kochgelegenheit und echtem Besteck.
Was Führungskräfte und Talente aus dem Stammheimer Prinzip lernen
Die Geschichte des Küchenleiters Gurkenberger legt ein zeitloses Gesetz für Karriere, Unternehmertum und Leadership offen:
- Arbeitsqualität ist eine Frage der Selbstachtung, nicht der Bezahlung: Wer in der Gefängnisküche für rund einen Euro pro Stunde Spitzenleistung abliefert, beweist, dass Exzellenz keine Reaktion auf äußere Anreize ist, sondern Ausdruck des eigenen Charakters.
- Entscheider beobachten genauer, als sie zeigen: In hierarchischen Systemen kommentieren Führungskräfte gute Leistung im Alltag oft kaum. Dennoch registrieren sie präzise, wer im Pausenraum klagt und wer im Maschinenraum Verantwortung trägt.
- Die wertvollsten Empfehlungen passieren hinter verschlossenen Türen: Die entscheidenden Karrieresprünge und Aufträge entstehen selten über offizielle Bewerbungsschreiben, sondern über jenen einen informellen Anruf von Entscheider zu Entscheider: „Den Mann müssen Sie nehmen – so jemanden hatten wir seit zwanzig Jahren nicht.“
Fazit: Wer die Sache ehrt, gewinnt Fürsprecher
Niemand kann immer kontrollieren, in welches Umfeld oder welche Krise er geworfen wird. Jeder entscheidet jedoch zu hundert Prozent selbst, mit welchem Standard er seine tägliche Arbeit verrichtet. Wer selbst am unattraktivsten Platz im System kompromisslose Qualität liefert, baut sich ein unsichtbares Kapital auf, das ihm am nächsten Standort die besten Türen öffnet.




