Die doppelte Gefangenschaft: Wenn man hinter Gittern kein Wort versteht
Wer in seinem eigenen Land in eine schwere Krise gerät, verliert vielleicht sein Geld, seinen gesellschaftlichen Status oder im schlimmsten Fall seine Bewegungsfreiheit. Wer jedoch – wie ich im Dezember 2006 – in einem fremden Land verhaftet wird, dessen Sprache er mit keinem einzigen Wort beherrscht, erlebt eine doppelte Gefangenschaft.
Man sitzt auf zwölf Quadratmetern hinter schweren Stahltüren, ist den Anweisungen der Wärter, den Formularen der Justiz und den ungeschriebenen Gesetzen der Mitgefangenen vollständig ausgeliefert – und versteht nicht einmal, was um einen herum gesprochen wird. Dieses Gefühl der totalen sprachlichen und intellektuellen Ohnmacht gehört zu den beklemmendsten Erfahrungen, die ein Mensch durchmachen kann.
Als der Fernsehsender TV Südbaden im Jahr 2013 – kurz vor meiner vorzeitigen Entlassung im August und mitten in meinem ersten Semester als 29-jähriger Informatikstudent – meinen Weg von der Haftzelle in den Hörsaal dokumentierte, blickte ich genau auf diesen ersten Wendepunkt in Frankreich zurück. Damals, in meiner Pariser Zelle, traf ich aus der totalen Ohnmacht heraus eine Entscheidung, die mein Verhältnis zum Thema Lernen für immer veränderte: Ich beschloss, mir im Selbststudium die französische Sprache beizubringen.
Der erste Aha-Moment auf dem Zellenflur: „Wissen ist gut!“
In meiner Jugend war Schule für mich immer ein lästiges Pflichtprogramm gewesen. Ich hatte die Schule einst als Hauptschüler verlassen, weil ich den praktischen Sinn hinter trockenen Vokabeln und Formeln nicht erkannt hatte. Doch im französischen Gefängnis war Lernen plötzlich keine graue Theorie für eine Klassenarbeit mehr – es war ein unmittelbares Überlebens- und Ermächtigungswerkzeug.
Nachdem ich mir die ersten Grundlagen auf der Zelle selbst erarbeitet hatte, besuchte ich den Gefängnisunterricht vor Ort. Und schon nach kurzer Zeit geschah etwas, das mein Selbstverständnis komplett drehte:
Man muss sich die psychologische Tragweite dieses Moments vor Augen führen: In einer Umgebung, die darauf ausgelegt ist, dem Einzelnen jede Kontrolle und jede individuelle Bedeutung zu nehmen, verwandelte mich mein neu erworbenes Sprachwissen über Nacht vom hilflosen Bittsteller in einen gefragten Problemlöser. Weil ich etwas wusste und konnte, was andere nicht konnten, öffneten sich selbst hinter meterdicken Gefängnismauern plötzlich Türen.
Der strategische Wechsel in die JVA Freiburg: Abitur und Studium hinter Gittern
Dieser erste Schlüsselerfolg entfachte in mir einen unstillbaren Bildungshunger. Mir wurde klar: Wenn mir schon eine einzige Fremdsprache im Gefängnis so viel Handlungsfreiheit zurückgibt, was passiert dann erst, wenn ich meine gesamte schulische und akademische Ausbildung vom Fundament her neu aufbaue?
Noch in Frankreich erwarb ich mehrere Bildungsabschlüsse. Als ich schließlich nach Deutschland überstellt und hier zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt wurde, überließ ich meinen Haftort nicht dem Zufall. Ich informierte mich genau über das deutsche Vollzugssystem und stellte fest: Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Freiburg ist das einzige Gefängnis in ganz Deutschland, in dem Gefangene ein vollwertiges Abitur nachholen können.
Über 120 Inhaftierte besuchten dort damals die anstaltseigene Schule – vom einfachen Lese- und Schreibkurs über den Haupt- und Realschulabschluss bis hin zur allgemeinen Hochschulreife. Wie der Freiburger Anstaltsleiter Thomas Rösch im TV-Bericht von TV Südbaden betonte, senkt jeder qualifizierte Abschluss die Rückfallquote drastisch, weil vor allem technische Abschlüsse von Arbeitgebern nach der Entlassung stark nachgefragt werden.
Also setzte ich alles daran, nach Freiburg verlegt zu werden. Mit eiserner Disziplin paukte ich in meiner Zelle Tag und Nacht den Stoff, holte als ehemaliger Hauptschüler das Abitur nach und schrieb mich noch während meiner laufenden Haftzeit als Erstsemester für das Informatikstudium ein. Mit 29 Jahren war ich zwar nicht mehr der jüngste Student im Hörsaal, besaß jedoch eine mentale Resilienz und einen Fokus, den mir kein regulärer Bildungsweg jemals hätte vermitteln können.
Gleichzeitig entwickelte ich schon damals an der Hochschule meine klare Kommunikationsstrategie im Umgang mit meiner Vergangenheit, die ich auch im Fernsehbeitrag formulierte: Ich gehe mit meiner Geschichte vollkommen offen und ehrlich um – unter einer einzigen Bedingung: Die Menschen sollen mich zuerst als Mensch und über meine heutige Kompetenz kennenlernen, bevor ich ihnen meine Vergangenheit erzähle, damit keine blinden Vorurteile den Blick versperren.
Drei Lektionen über die befreiende Kraft von Wissen und Kompetenz
- Kompetenz schlägt jede äußere Einschränkung: Man kann einem Menschen sein Vermögen pfänden, seine Firma schließen oder ihn hinter Gitter sperren – doch das Wissen, die Fähigkeiten und die Sprachen, die er in seinem eigenen Kopf gespeichert hat, kann ihm niemand auf der Welt wegnehmen. Wahre Self-Leadership investiert deshalb zuerst in den eigenen Geist.
- Sofortige Anwendung erzeugt unaufhaltsame Lernfreude: Lernen wirkt nur dann trocken, wenn man nicht weiß, wofür man es braucht. Wer neues Wissen – sei es im Verkauf, in der Rhetorik, in der IT oder in der Unternehmensführung – noch am selben Tag in der Praxis anwendet, erlebt sofort den Dopamin-Schub wachsender Wirksamkeit.
- Das Umfeld strategisch nach den besten Entwicklungschancen wählen: So wie ich mich gezielt in die JVA Freiburg verlegen ließ, weil nur dort das Abitur möglich war, muss auch jeder Unternehmer und jede Führungskraft in voller Eigenverantwortung prüfen: Erlaubt mir mein aktuelles Umfeld überhaupt das Wachstum, das ich für mein großes Ziel brauche?




