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Kulturschock Universität – und der Sprung ins kalte Wasser

Als ich nach fast sieben Jahren in französischen und deutschen Gefängnissen zum ersten Mal den Campus der Technischen Fakultät an der Universität Freiburg betrat, erlebte ich einen optischen und sozialen Kulturschock: Statt breitschultriger, tätowierter Schwerverbrecher wuselten plötzlich hunderte blutjunge, schmale Studenten über die Gänge.

Ich wusste: Um in dieser neuen Welt Fuß zu fassen und mein unternehmerisches Denken in die Praxis zu bringen, reichte es nicht, nur in den Vorlesungen für Java und Algorithmen zu sitzen. Auf dem Campus wurde ich auf eine renommierte studentische Unternehmensberatung (TriRhena Consulting e. V.) aufmerksam. Ich beschloss sofort: Da will ich rein – Prozesse optimieren und unternehmerisch denken ist genau meine Welt.

Meine schriftliche Bewerbung las sich außergewöhnlich: Hauptschüler, in Haft das Abitur als Klassenbester mit 1,5 nachgeholt, parallel ein Fernstudium mit 1,0 abgeschlossen, dazu drei französische Sprachdiplome und drei französische Schulabschlüsse. Ich wurde prompt zum mehrstündigen Assessment-Center eingeladen.

Szene 1: Der versteckte Papierstapel im Assessment-Center

Als ich den Prüfungsraum betrat, bot sich ein Bild, das den Unterschied zwischen äußerer Etikette und innerer Substanz nicht schärfer hätte zeichnen können: Sämtliche Mitbewerber saßen hochgeschlossen im feinen Business-Anzug, mit Krawatte oder Kostüm am Tisch. Ich – der abends wieder ins Freigängerhaus einrücken musste und kaum Geld für Essen besaß – erschien in einfachen Bluejeans und einem schlichten T-Shirt.

In den vier Ecken des Raumes saßen die Beobachter mit ihren Klemmbrettern; in der Mitte stand ein Gruppentisch mit einem dicken Stapel Papier. Kaum wurde die Aufgabe freigegeben, passierte das, was in fast jeder künstlichen Prüfungssituation passiert: Ein lauter „Möchtegern-Alpha“ im Anzug riss sofort das oberste Aufgabenblatt an sich, las es wichtigtuend vor und begann hektisch, die Gruppe einzuteilen. Nach zwei Minuten wussten die Anzugträger nicht mehr weiter.

Ich hatte mich in den ersten Minuten bewusst zurückgehalten und die Menschen im Raum gelesen. Nach sechzig Sekunden wusste ich: Nette junge Leute, doch weder unternehmerisch noch psychologisch haben sie bisher echte Krisen erlebt. Dann griff ich ruhig ein:

„Ich schaute auf den Tisch und sagte in die Runde: ‚Leute, wir sind hier zu viert – und vor uns liegt ein riesiger Stapel Papier. Das ist nicht normal.‘ Ich nahm den gesamten Papierstapel, blätterte ihn komplett durch – und siehe da: Mitten im vermeintlichen Schmierpapier hatten die Prüfer die eigentlichen Zusatzaufgaben versteckt.“

Während die anderen nur an der Oberfläche des obersten Blattes gekratzt hatten, durchschaute ich sofort die Systemarchitektur des Tests. Ich ließ dem lauten Wortführer noch einen kurzen Moment seinen Stolz, übernahm dann ruhig die strukturierte Koordination der Gruppe, verteilte die Teilaufgaben nach den tatsächlichen Stärken am Tisch und führte das Team geschlossen zur Lösung. Das Ergebnis: Der Mann im T-Shirt bestand das Assessment-Center und wurde als „Anwärter“ aufgenommen.

Szene 2: 20 Seiten Ausarbeitung, 40 Folien – und ein ehrliches Wort zur falschen Zeit

In den darauffolgenden Wochen stürzte ich mich mit voller Energie in das Anwärterprojekt: Gemeinsam mit meinem Kleinteam (in dem ich als Schriftführer den Großteil der Arbeit vorantrieb) erstellte ich eine zwanzigseitige strategische Dokumentation zur Homepage-Architektur und Suchmaschinenoptimierung samt Meilensteinplan, Lessons Learned und einer 40-seitigen Präsentation.

Doch hinter den Kulissen eckte ich mit meiner Haltung an. In der studentischen Beratung herrschte bei vielen Mitgliedern ein ausgeprägtes Standesdenken: Man trug die Nase hoch, kam aus wohlhabendem Elternhaus und hofierte die Vorstände, als wären es Konzernchefs. Ich hingegen lebte nach einem unumstößlichen Grundsatz der menschlichen Führung (Leadership):

„In meiner Welt haben ein Vorstand mit einer Million Euro Jahreseinkommen und eine Reinigungskraft mit tausend Euro im Monat exakt denselben menschlichen Stellenwert. Ich höre mir jede Meinung an, gebe jedem die Hand – und krieche niemandem in den Allerwertesten.“

Zum offenen Knall kam es nach einer Auswärtsveranstaltung: Eine befreundete studentische Unternehmensberatung hatte den gesamten Freiburger Verein eingeladen. Von rund dreißig bis vierzig Mitgliedern erschien am Ende – neben dem Vorstand – ein einziger Mann: ich. Alle anderen glänzten durch Abwesenheit.

Auf der darauffolgenden Vollversammlung sprach der Vorstand das schwache Erscheinen nur weichgespült und diplomatisch an, um niemanden zu verstimmen. Dann erteilte man mir das Wort, damit ich kurz von dem Abend berichtete. Ich trat nach vorne auf die Bühne, blickte in den vollbesetzten Raum der Anzugträger und sprach Klartext: Ich nannte es eine bodenlose Unverschämtheit und Respektlosigkeit gegenüber den Gastgebern, dass sich von vierzig Leuten niemand die Zeit nahm und der Verein nach außen ein solches Bild abgab.

Die Reaktion folgte auf dem Fuß: Weil ein einfacher „Anwärter“ es gewagt hatte, der versammelten Mannschaft den Spiegel vorzuhalten, fühlte sich die Hierarchie auf den Schlips getreten. Kurz darauf wurde mein 40-Seiten-Projekt plötzlich als „ungenügend“ bewertet – und ich flog hochkant aus dem Verein.

Drei Lektionen für echte Leadership und Unternehmenskultur

  1. Unter das oberste Blatt blicken: Im Assessment-Center wie im echten Business scheitern laute Aktionisten daran, dass sie sich sofort auf das erstbeste sichtbare Problem stürzen. Wer sich am Anfang sechzig Sekunden Ruhe nimmt, den gesamten Stapel analysiert und das Spiel versteht, bevor er handelt, übernimmt ganz natürlich die Führung.
  2. Kompetenz schlägt Dresscode – Integrität schlägt Politik: Ein Anzug macht noch keinen Berater, und ein Vorstandstitel im Studentenverein macht noch keine Führungspersönlichkeit. Wahre Souveränität zeigt sich im Respekt vor jedem Menschen – vom Pförtner bis zum CEO.
  3. Wenn ein Umfeld Wahrheit bestraft, ist es der falsche Raum: Ich flog aus dem Verein, weil ich aussprach, was alle wussten, sich jedoch niemand zu sagen traute. Für einen echten Unternehmer war dieser Rauswurf kein Verlust, sondern eine Auszeichnung: Wer in einer Kultur der Eitelkeiten nicht mitspielt, spart sich wertvolle Lebenszeit für eigene, echte Projekte.

Dein nächster Schritt

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Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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