Der bürokratische Hürdenlauf für eine PlayStation 2
Wer verstehen will, wie menschlicher Unternehmergeist, Angebot und Nachfrage sowie bürokratische Überregulierung in ihrer reinsten Form zusammenwirken, muss sich die interne Ökonomie einer deutschen Justizvollzugsanstalt ansehen. In der JVA Freiburg erlebte ich ein System, das versuchte, jedes noch so kleine Lebensdetail durch Verbote, Formulare und Begrenzungen zu kontrollieren – und genau dadurch das exakte Gegenteil bewirkte.
Ein Paradebeispiel war mein Antrag auf eine eigene PlayStation 2 für die Zelle. Um diese Spielkonsole (ohne jede Internetfunktion) überhaupt besitzen zu dürfen, musste man in Freiburg einen mehrstufigen Genehmigungsprozess durchlaufen, an dem die meisten bereits scheiterten: Zuerst musste ein schriftlicher Antrag mit ausführlicher Begründung beim Bereichsdienstleiter eingereicht werden. Anschließend musste man beim Gefängnispsychologen antreten, der ein psychologisches Kurzgutachten darüber erstellte, ob man charakterlich und geistig überhaupt „tauglich“ war, eine Spielkonsole zu besitzen.
Ich meisterte diese bürokratische Hürde. Als das Gerät schließlich ausgeliefert wurde, war zuvor technisch das Netzwerkmodul ausgebaut und das Gehäuse verplombt worden. Doch die eigentliche Absurdität begann erst bei den Nutzungsregeln:
- Kein Gefangener durfte einem anderen ein Spiel ausleihen.
- Jeder Gefangene durfte exakt eine einzige Memory Card (Speicherkarte) besitzen – eine zweite Karte für Backups war strengstens verboten.
Wie künstliche Knappheit sofort neue Märkte erschafft
Was passiert in einem geschlossenen System, wenn ein Grundbedürfnis auf realitätsferne Verbote trifft? Die Menschen stellen ihr Verhalten nicht etwa ein – sie gründen einen informellen Markt.
Da epische Spiele wie Gran Turismo oder Civilization hunderte Spielstunden erfordern, wurden bespielte Memory Cards mit weit fortgeschrittenen Spielständen über Nacht zu einer hochgehandelten Währung. Wer das Risiko vor Datenverlust absichern wollte, organisierte sich unter der Hand eine illegale zweite Memory Card als Backup. Und da die PlayStation 2 auch DVDs abspielen konnte, entstand rund um geschmuggelte Filme der lukrativste Markt des gesamten Gefängnisses: Ein einziger Verleih einer eingeschmuggelten DVD für wenige Tage brachte dem Besitzer eine komplette Dose Tabak ein.
Noch kreativer wurde es, wenn aus alltäglichen Lebensmitteln neue Produkte entstanden. Auf meinem Stockwerk lebte „Jerry“, ein Mitte fünfzigjähriger Pole, der kaum Deutsch sprach, dafür jedoch ein absolutes Schach-Genie war. Auf dem Hof schlug Jerry jeden – selbst einen wegen Kriegsverbrechen verurteilten kroatischen Ex-General, der als fast unbesiegbar galt (lediglich mir gelang es ein einziges Mal durch einen völlig unberechenbaren Zug, Jerry zu überraschen und ihn wochenlang damit aufzuziehen).
Dieser hochintelligente Schachspieler nutzte die unscheinbaren Ressourcen des Stockwerks für seine eigene Destillerie: Alle zwei bis vier Wochen erhielt jeder Gefangene einen kleinen Becher Marmelade. Jerry lief nach der Essensausgabe von Zelle zu Zelle, sammelte die ungenutzten Marmeladenbecher ein und brannte daraus in seiner Zelle hochprozentigen Alkohol – während andere osteuropäische Mitgefangene mangels Tabak kurzerhand den Inhalt von Teebeuteln rauchten. Und während der Zahnarzt der Anstalt den Häftlingen beim Bohren die Betäubungsspritze mit dem Spruch „Mann oder Memme?“ verweigerte – vermutlich um die eingesparten Ampullen draußen in seiner eigenen Praxis abzurechnen –, blühte auf den Gängen der Handel mit den Zivilkleidern und den rohen Lebensmitteln der Sicherungsverwahrten.
Was ein törichtes Risiko alles zerstören kann
Doch ich beobachtete in Freiburg nicht nur die Kreativität der Schattenwirtschaft, sondern auch deren katastrophalen Preis, wenn Menschen das Chance-Risiko-Verhältnis aus den Augen verlieren. Ein netter Mitgefangener, den ich bereits aus Heimsheim kannte, schaffte ebenfalls den begehrten Sprung in die Freiburger Gefängnisschule. Eines Tages zeigte er mir stolz ein eingeschmuggeltes Smartphone.
Ich warnte ihn eindringlich: „Lass das mit dem Handy! Egal wie schlau du es im Reissack, in zusammengerollten Socken, im Toilettenkasten oder in einer aufgeschnittenen Matratze versteckst – die Beamten kennen jedes Versteck in einer Vier-Wände-Zelle, oder irgendein Neider verrät dich. Was du hier zu verlieren hast, ist viel zu wertvoll!“
Der Kollege hörte nicht. Er fühlte sich unverwundbar – bis die Zellenkontrolle zuschlug. Das Handy wurde gefunden, der Mann flog noch am selben Tag hochkant aus der Schule, wurde strafverlegt zurück nach Heimsheim und verlor mit einem Schlag die einzige Chance, sich durch Bildung eine echte Zukunft nach der Haft aufzubauen.
Drei unternehmerische Lehren für Führung und Organisation
Übertragen auf Entrepreneurship und moderne Unternehmensführung liefert dieses Mikrosystem drei glasklare Erkenntnisse:
- Überregulierung tötet Eigenverantwortung und fördert Schattenprozesse: Wenn ein Geschäftsführer in seinem Unternehmen für jeden Handgriff fünf Unterschriften, starre Verbote und sinnfreie Kontrollschleifen („nur eine Memory Card“) einführt, hören die besten Leute nicht auf zu arbeiten – sie beginnen, das System über inoffizielle Workarounds („Schatten-IT“) zu umgehen. Gute Führung schafft klare Leitplanken statt bürokratischer Schikanen.
- Kreativität sucht sich immer einen Kanal: Menschen wie Schachmeister Jerry besitzen enorme kognitive Kapazitäten. Wenn ein System diesen Geist nicht in produktive Bahnen lenkt, entlädt er sich im „Marmelade-Brennen“ oder im Auslösen von Fehlalarmen. Kluge Köpfe im Unternehmen brauchen anspruchsvolle Probleme zu lösen, sonst beschäftigen sie sich mit Dingen, die dem System schaden.
- Den asymmetrischen Preis eines Risikos abwägen: Ein guter Unternehmer prüft bei jeder Entscheidung nicht nur den möglichen Gewinn, sondern vor allem das maximale Verlustrisiko (Downside Risk). Wer für einen kurzfristigen Kick oder einen kleinen unfairen Vorteil (wie das geschmuggelte Handy) seine gesamte Lizenz, seine Reputation oder seine Ausbildung aufs Spiel setzt, handelt nicht mutig, sondern töricht.




