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Das vorschnelle Urteil: Die unsichtbare Mauer in unseren Köpfen

Unser menschliches Gehirn liebt Schubladen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen scannen wir unser Gegenüber nach äußeren Merkmalen, Kleidung, Herkunft, Ausdrucksweise oder einem lückenhaften Lebenslauf ab – und fällen sofort ein scheinbar unumstößliches Urteil. Im Geschäftsleben wie im Alltag führt dieser Reflex dazu, dass wir Menschen abstempeln, noch bevor wir ein einziges echtes Wort mit ihnen gewechselt haben: Der verschlossene Mitarbeiter gilt als unmotiviert, der schroffe Kunde als arrogant, der Nachbar mit dem gesenkten Blick als unfreundlich und ein Mensch mit einem Bruch in der Biografie als gescheitert.

Ich habe in meinem Leben beide Extreme der gesellschaftlichen Skala von innen gesehen: Ich saß sechs Jahre, sieben Monate und acht Tage lang in insgesamt sieben verschiedenen Gefängnissen in Frankreich und Deutschland ein – und ich berate heute als studierter Informatiker und Unternehmer Geschäftsführer, Vorstände und Führungskräfte. Wenn mich diese Reise durch völlig gegensätzliche Welten eine Lektion für echtes Leadership gelehrt hat, dann lässt sie sich in einem einzigen Leitsatz zusammenfassen, den ich auch im großen Schweizer Podcast-Interview betonte:

„Jeder Mensch hat eine Geschichte, und zu jeder Geschichte gibt es Gründe. Und solange man die Geschichte und die Gründe eines Menschen nicht kennt, sollte man sich tunlichst kein Urteil erlauben.“

Niemand steht morgens auf, um absichtlich ein schlechter Mensch zu sein

Als ich mit dreiundzwanzig Jahren am Pariser Flughafen verhaftet wurde und anschließend durch französische Haftanstalten wie Villepinte, Fresnes und Saint-Mihiel sowie später durch deutsche Gefängnisse wie Stammheim und Freiburg ging, traf ich auf Menschen, vor denen die Gesellschaft zu Recht Angst hat. Ich begegnete dort drinnen einem sehr geringen Prozentsatz an Menschen – vielleicht fünf Prozent –, die innerlich so abgestumpft oder psychisch zerstört waren, dass jedes Gespräch ins Leere lief.

Doch bei den übrigen fünfundneunzig Prozent machte ich eine tiefgreifende Entdeckung: Wenn man sich die Zeit nahm, hinter die harte, oft bedrohliche Fassade zu blicken und den Menschen unter vier Augen auf Augenhöhe zuzuhören, kam fast immer eine nachvollziehbare, oft tragische Lebensgeschichte zum Vorschein. Kaum ein Mensch wacht morgens mit dem Vorsatz auf: „Heute werde ich bösartig sein und anderen Schaden zufügen.“ Fast immer sind es Ketten aus Verzweiflung, falschen Vorbildern, existenziellen Krisen oder blinden Flecken, die Menschen in Situationen manövrieren, die von außen unbegreiflich wirken.

Genau spiegelbildlich erlebte ich Vorurteile auf der anderen Seite der Gitterstäbe. Für manche Vollzugsbeamte, Staatsanwälte oder Gutachter ist jeder Gefangene pauschal ein hoffnungsloser Lügner. Gleichzeitig begegnete ich mitten in diesem harten System immer wieder einzelnen Menschen, die mich nicht nach meiner Aktennummer, sondern nach meinem Charakter beurteilten:

  • Ich denke an die französische Dolmetscherin auf dem Pariser Polizeirevier, der auf der Toilette heimlich mein kleiner Zettel mit den Telefonnummern meiner Familie zugesteckt wurde – und die abends unter eigenem Risiko meine Mutter und meine Tante in Deutschland anrief, damit diese nach Tagen voller Todesangst endlich wussten, dass ich noch am Leben war.
  • Ich denke an die Schulsekretärin in der JVA Freiburg, die sah, wie ich als ehemaliger Hauptschüler mein Fachabitur und Abitur hinter Gittern als Jahrgangsbester absolvierte, und die meine dreiundzwanzig dick gepackten Bewerbungsmappen für Hochschulen und Stiftungen – darunter die Thomas-Gessmann-Stiftung und die Konrad-Zuse-Stiftung – auf dem kurzen Dienstweg zur Post brachte, damit meine Fristen gewahrt blieben.
  • Und ich denke an die Professoren und Mitstudierenden an der Hochschule in Freiburg: Als ich dort noch aus dem offenen Vollzug heraus mit einem Kamerateam des SWR für eine Fernsehdokumentation im Hörsaal erschien, lautete mein Prinzip vom ersten Tag an: „Lernt mich zuerst als Mensch kennen – und dann erzähle ich euch meine Geschichte.“ Weil die Menschen zuerst meine Verlässlichkeit, meine Hilfsbereitschaft und meine Arbeitsmoral erlebten, spielte meine Vergangenheit plötzlich keine trennende Rolle mehr.

Das physikalische Gesetz der Führung: Wer überwindet den Stillstand?

Was bedeutet diese Haltung nun konkret für Führungskräfte, Vertriebler und Unternehmer im täglichen Miteinander? Im Gespräch erklärte ich das anhand eines einfachen Grundgesetzes aus der Physik: Um einen ruhenden Körper aus dem vollkommenen Stillstand in Bewegung zu versetzen, wird immer die größte Anfangsenergie benötigt. Sobald die Masse einmal rollt, braucht es nur noch wenig Kraft, um die Bewegung aufrechtzuerhalten.

Wenn im Berufsleben oder im Alltag zwei Menschen aufeinandertreffen, die beide in ihrer Abwehrhaltung verharren – der Vorgesetzte im Groll über die vermeintliche Arbeitsverweigerung und der Mitarbeiter im stillen Frust über mangelnde Wertschätzung –, dann herrscht physikalischer Stillstand. Keiner bewegt sich, die Fronten verhärten sich, und am Ende folgt die innere oder formale Kündigung.

Wahre Selbstführung (Self-Leadership) zeigt sich genau in diesem Moment: Ein echter Leader wartet niemals beleidigt darauf, dass der andere zuerst auf ihn zukommt. Er bringt bewusst die maximale Anfangsenergie auf, überwindet das eigene Ego und reicht als Erster die Hand.

Ich lebe dieses Prinzip bis heute im Kleinen wie im Großen. Wenn ich in meiner Nachbarschaft einem Menschen begegne, der beim Vorbeigehen verkrampft auf den Boden schaut, damit er bloß nicht grüßen muss, dann gehe ich nicht etwa ebenfalls schweigend vorbei. Ich bleibe freundlich, grüße mit einem offenen Lächeln im Vorbeigehen – beim ersten Mal, beim zweiten Mal und auch beim zehnten Mal. Und fast immer geschieht irgendwann dasselbe kleine Wunder: Der Blick hebt sich, das Eis bricht, und man kommt ins Gespräch. Wenn jemand nach zehn ausgestreckten Händen noch immer nicht reagiert, dann lasse ich ihn in Frieden ziehen; doch die erste Energie zur Überwindung des Stillstands investiere ich immer selbst.

Warum Neugier im Leadership jedes Vorurteil schlägt

Im P.E.R.L.S.©-System bildet diese vorurteilsfreie Menschenkenntnis das unsichtbare Bindeglied zwischen Werten, Rhetorik und Führung. Wenn ein Mitarbeiter plötzlich in seiner Leistung einbricht, gereizt reagiert oder sich im Team isoliert, fällt eine schwache Führungskraft sofort ein Urteil und greift zu Druck oder Abmahnung.

Eine starke Führungskraft hingegen ersetzt das Vorurteil durch aufrichtige Neugier. Sie nimmt den Mitarbeiter beiseite, schafft einen geschützten Raum unter vier Augen und fragt: „Mir ist aufgefallen, dass dich aktuell etwas beschäftigt. Ich schätze dich als Mensch und als Teil unseres Teams – erzähl mir, was bei dir los ist und wie wir das gemeinsam lösen können.“ Oft stellt sich in solchen Gesprächen heraus, dass hinter der rauen Schale ein schwer kranker Angehöriger, finanzielle Sorgen oder eine stille Überforderung stecken. Wer den Menschen hinter der Rolle erkennt, gewinnt eine Loyalität, die man mit keinem Gehaltsbonus der Welt kaufen kann.

Drei Lektionen für vorurteilsfreie Führung und starke Beziehungen

  1. Zuerst die Geschichte erfragen, bevor ein Urteil gefällt wird: Hinter jedem scheinbar unlogischen oder abweisenden Verhalten eines Mitarbeiters, Kunden oder Geschäftspartners steht ein konkreter Grund. Wer sich die Mühe macht, diesen Grund durch echtes Zuhören zu verstehen, findet den Schlüssel zur Lösung.
  2. Immer die erste Energie aufbringen, um den Stillstand zu brechen: In festgefahrenen Konflikten gewinnt nicht derjenige, der am längsten schmollt, sondern derjenige, der die innere Größe besitzt, den ersten Schritt zu gehen und die Hand auszustrecken.
  3. Menschen eine echte zweite Chance geben: Ein Lebenslauf mit Brüchen, eine gescheiterte Unternehmung oder eine vergangene Krise sind kein Makel, sondern oft der Beweis für außergewöhnliche Resilienz. Wer Menschen nach ihrem heutigen Handeln statt nach alten Etiketten bewertet, entdeckt Rohdiamanten, an denen der Rest des Marktes blind vorbeigeht.
Medien-Echo: Wie meine Erfahrungen im Grenzbereich heute Führungskräften bei Krisenentscheidungen helfen, analysierte unter anderem die Tageszeitung TAG24 unter dem Titel «Drogenkurier sitzt sieben Jahre im Knast und berät nun Führungskräfte» (abrufbar auf der Presse-Seite).

Dein nächster Schritt

Beurteilst Du Menschen in Deinem Umfeld manchmal noch nach dem ersten Anschein – oder führst Du Dein Team bereits mit der Souveränität und Menschenkenntnis, die echte Brücken baut? Lass uns gemeinsam daran arbeiten, wie Du auch in schwierigen Führungssituationen den entscheidenden ersten Schritt machst.

  • Sieh Dir das komplette Gespräch an: Das tiefgehende Interview über meine sieben Jahre in sieben Gefängnissen und meine wichtigsten Leadership-Lektionen findest Du hier in voller Länge auf YouTube.
  • 1:1 Mentoring & Strategie: Stärke Deine Führungspersönlichkeit und Deine kommunikative Wirkung – informiere Dich über meine Marco Deutschmann LTD., besuche meine Seminare oder buche Dein persönliches Gespräch auf der Mentoring-Seite.
Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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