Zwei Welten hinter denselben Mauern: Betäubung oder Aufbau
Wenn Menschen in eine schwere Lebenskrise geraten – sei es eine Haftstrafe, eine Insolvenz oder ein beruflicher Totalverlust –, teilen sie sich schon nach wenigen Wochen in zwei völlig unterschiedliche Lager auf. In meinen fast sieben Jahren in französischen und deutschen Gefängnissen konnte ich diese Spaltung jeden Tag mit eigenen Augen beobachten.
Die große Mehrheit wählte den Weg der geistigen Betäubung. Ihr Tagesablauf bestand daraus, die Zeit irgendwie totzuschlagen: endloses Kartenspielen, literweise starker Kaffee, Kettenrauchen, der Konsum von eingeschmuggeltem Haschisch oder das abendliche Schlucken von flüssigen Beruhigungsmitteln (Tranquilizern), die von der medizinischen Ausgabe verteilt wurden, damit im Trakt Ruhe herrschte. Wer seine Zellen betrat, sah sofort den Spiegel der eigenen Seele: Überfüllte Tische, gehorteter Müll und das Unvermögen, irgendetwas loszulassen, zeigten den inneren Stillstand.
Ich entschied mich früh für den entgegengesetzten Weg. Meine Zelle war jeden Tag blitzsauber und spartanisch geordnet – und mein wichtigster Zufluchtsort wurde die Gefängnisschule. Was zunächst nach einem einfachen Zeitvertreib klang, erwies sich rasch als mein wirksamstes doppeltes Schutzschild: nach innen für meinen Verstand und nach außen gegenüber der gesamten Gefängnisbürokratie.
Französisch auf Französisch: Drei Abschlüsse bei Monsieur Glinder
Als ich mir im Gefängnis von Saint-Mihiel beim Sport die Achillessehne riss und monatelang auf Krücken ging, nutzte ich die Zwangspause, um mich jeden Vormittag für zwei bis drei Stunden in das Klassenzimmer zu setzen. Die Herausforderung war gewaltig: Ich war als deutscher Hauptschüler ohne große Fremdsprachenkenntnisse ins Land gekommen und musste nun Französisch auf Französisch, Algebra, Geschichte und kaufmännisches Rechnungswesen (Comptabilité) lernen.
Geleitet wurde die Schule von Monsieur Glinder, einem rund 1,90 Meter großen, respekteinflößenden Pädagogen, der sofort erkannte, wie hungrig ich nach Wissen war. Immer wenn ich eine Prüfung bestanden hatte und dachte, das reiche nun für einen ausländischen Gefangenen, baute sich Monsieur Glinder vor mir auf und sagte mit fester Stimme: „Monsieur Deutschmann, Sie hören jetzt nicht auf! Sie machen direkt den nächsten Abschluss!“
Angetrieben von diesem Vertrauen schloss ich in Frankreich nacheinander drei offizielle staatliche Diplome ab:
- Das CFG (Certificat de Formation Générale) als grundlegenden Bildungsnachweis.
- Das DNB (Diplôme National du Brevet), vergleichbar mit einem qualifizierten mittleren Schulabschluss.
- Das BEP (Brevet d'Études Professionnelles) mit dem Schwerpunkt Comptabilité (Buchhaltung) – wobei ich komplexe Bilanzen und Kontenrahmen komplett in französischer Sprache erstellte.
Dabei entdeckte ich einen strategischen Nebeneffekt, den kaum ein Häftling auf dem Schirm hatte: Während diejenigen, die nur lustlos in der Werkstatt Punkte auf Kartons klebten oder auf dem Flur herumhingen, für die Verwaltung bloße Nummern blieben, genoss ich als fleißigster Schüler mit Bestnoten den vollen Rückhalt der Schulleitung. Bildung verschaffte mir hinter Gittern einen Status der Unantastbarkeit und öffnete mir später in Deutschland – wo ich mir mit dem Gesetzbuch in der Hand meine Verlegung in die Bildungsanstalt JVA Freiburg erkämpfte – den Weg zu einem SGD-Fernstudium (Note 1,0) und dem Abitur als Klassenbester (Schnitt 1,5).
Das tragische Gegenbild: Warum der 22-jährige Oleg keine Wahl sah
Warum Bildung weit mehr ist als ein schönes Stück Papier an der Wand, wurde mir in einer Szene bewusst, die ich bis heute nicht vergessen habe. Kurz vor meiner eigenen Rückverlegung nach Deutschland traf ich im Gefängnis auf Oleg, einen 22-jährigen russischen Mitgefangenen, dessen Haftstrafe in wenigen Tagen endete.
Eigentlich hätte Oleg vor Freude über seine bevorstehende Freiheit strahlen müssen. Stattdessen stand er bedrückt vor mir. Als ich ihn fragte, was er draußen als Erstes vorhabe, blickte er mich mit einer Mischung aus Scham und völliger Resignation an und sagte:
Dieser Satz traf mich bis ins Mark. Oleg war kein grundschlechter Mensch; er war ein junger Mann, der jahrelang im Gefängnis gesessen hatte, ohne an seinem Kompetenzprofil zu arbeiten, und der nun am Tag seiner Entlassung exakt vor denselben geschlossenen Türen stand wie am Tag seiner Verhaftung. Weil ihm das geistige und fachliche Rüstzeug fehlte, um auf legalem Weg Geld zu verdienen, war sein Rückfall in die Kriminalität schon vor dem Passieren des Gefängnistors vorprogrammiert.
Warum geistiger Stillstand auch in der Freiheit gefährlich ist
Wenn ich heute Unternehmer, Selbstständige und Führungskräfte im Rahmen meines P.E.R.L.S.©-Systems begleite, erzähle ich oft die Geschichte von Oleg. Natürlich geht es im Geschäftsleben nicht um Diebstahl oder Gefängnismauern. Doch das psychologische Gesetz dahinter ist identisch: Wer aufhört zu lernen, beraubt sich seiner eigenen Optionen.
Wenn sich ein Markt durch technologische Umbrüche, Krisen oder neue Gesetze radikal verändert, geraten genau jene Unternehmer und Angestellten in Panik, die sich zehn Jahre lang auf ihrer alten Routine ausgeruht haben. Weil sie keine neuen Fähigkeiten aufgebaut haben, klammern sie sich verzweifelt an veraltete Methoden – genau wie Oleg an sein altes Überlebensmuster.
Wer hingegen lebenslanges Lernen zur täglichen Gewohnheit im Self-Leadership macht, besitzt ein unzerstörbares Schutzschild:
- Kompetenz nimmt die Zukunftsangst: Wer Buchhaltung, Rhetorik, Fremdsprachen, Verhandlungsführung und digitale Werkzeuge beherrscht, weiß, dass er in jeder Branche und in jedem Land der Welt sofort wieder Wert schöpfen kann.
- Ordnung im Außen spiegelt Ordnung im Kopf: Genau wie eine aufgeräumte Zelle im Gefängnis den Geist vor dem Abstumpfen schützt, bildet ein strukturierter, lernbereiter Alltag im Business das Fundament für strategische Weitsicht.
Drei Lektionen für lebenslanges Wachstum
- Krisenzeit ist Studienzeit: Wenn das operative Geschäft stockt oder eine persönliche Zwangspause eintritt, ist Betäubung durch Ablenkung der größte Fehler. Jede Stunde, die in echte Weiterbildung fließt, zahlt sich nach der Krise doppelt aus.
- Qualifikation schafft Verhandlungsmacht: Ob gegenüber einer Behörde, einer Bank oder einem neuen Großkunden – wer nachweisbare Spitzenleistungen und fundiertes Fachwissen vorlegt, wird sofort auf einer anderen Ebene behandelt.
- Niemals ohne neue Werkzeuge aus einer alten Krise gehen: Ein echter Neuanfang gelingt nur, wenn man am Ende einer schwierigen Phase klüger, disziplinierter und breiter ausgebildet ist als zu ihrem Beginn.




