Warum unser Gefängnisflügel bei den Wärtern der beliebteste Dienstposten war
In vielen modernen Unternehmen herrscht eine gefährliche Verwirrung über den Begriff Leadership: Die einen verwechseln Führung mit autoritärer Willkür und glauben, sie müssten Angst verbreiten, um respektiert zu werden. Die anderen verwechseln Führung mit grenzenloser Harmoniesucht, weichen jedem Konflikt aus und wundern sich anschließend, warum ihnen das eigene Team auf der Nase herumtanzt.
Wo der schmale Grat zwischen diesen beiden Extremen verläuft, habe ich nirgendwo so kompromisslos gelernt wie im französischen Gefängnis Saint-Mihiel im Departement Meuse in Lothringen. Nach meiner Verlegung aus Paris verbrachte ich dort rund zwei Jahre in einer Anstalt mit 200 bis 250 Gefangenen, aufgeteilt auf Bâtiment A und Bâtiment B.
Gemeinsam mit meinem ungarischen Mentor Miki war ich als Hausarbeiter (Auxi) für unseren zweistöckigen Flügel verantwortlich. Schon nach kurzer Zeit galt unser Trakt unter den französischen Vollzugsbeamten als der mit Abstand beliebteste Dienstposten des gesamten Hauses. Warum? Weil auf unserem Stockwerk glasklare Ordnung herrschte. Die Böden glänzten, die Essensausgabe lief auf die Minute präzise, und vor allem duldeten wir keinerlei Unterdrückung oder Erpressung von Schwächeren. Als etwa ein berüchtigter Schläger aus einem Nachbarflügel versuchte, einen verängstigten jungen Franzosen oben rechts in der ersten Zelle unseres Trakts um seine Einkäufe und seinen Fernseher zu erpressen, schob ich dem Treiben sofort und unmissverständlich einen Riegel vor.
Die Eskalation an der Waschmaschine: Warum eine rote Linie niemals verschoben werden darf
In einem geschlossenen System mit Dutzenden Männern auf engstem Raum wird jede aufgestellte Regel täglich getestet. Auf unserem Flügel gab es eine kleine Gemeinschaftsküche mit zwei Herdplatten, einem Spülbecken, einer einzigen Waschmaschine und einem Trockner. Da alle Insassen auf diese eine Maschine angewiesen waren, galt das ungeschriebene Gesetz: Sobald der Waschgang beendet ist, wird die Wäsche sofort ausgeräumt, damit der Nächste waschen kann.
Eines Nachmittags wollte ich meine Wäsche waschen, doch die Maschine stand voll mit der nassen Kleidung eines jungen Mitgefangenen, der seelenruhig zum Sport gegangen war. Beim ersten Mal sprach ich ihn nach seiner Rückkehr ruhig und sachlich unter vier Augen an: „Hör zu, wir sind hier viele Leute auf dem Stock. Wenn deine Wäsche fertig ist, nimm sie bitte raus, bevor du zum Sport gehst. Beim nächsten Mal räume ich sie nicht für dich aus.“
Wenige Tage später wiederholte sich exakt dieselbe Szene: Die Maschine war blockiert, und derselbe junge Mann kam grinsend vom Sport zurück. Hätte ich in diesem Moment geschwiegen, ein zweites Mal gemahnt oder brav seine nasse Wäsche für ihn in einen Korb gelegt, wäre meine gesamte Autorität auf dem Stockwerk in einer Sekunde zerstört gewesen. Wer eine Konsequenz ankündigt und bei der Übertretung einknickt, erzieht sein Umfeld zur Respektlosigkeit.
Ich stellte ihn direkt in der kleinen Küche zur Rede. Als er frech wurde, setzte ich die Grenze so nachdrücklich durch, dass ich kurz darauf ins Büro des zuständigen elsässischen Stationsbeamten zitiert wurde. Doch selbst dieser erfahrene Beamte, der meine sonst absolut besonnene Art kannte, blickte mich über seinen Schreibtisch hinweg an und sagte in seinem elsässischen Akzent lediglich trocken: „Herr Deutschmann, Erziehungsmaßnahmen finde ich grundsätzlich gut – nächstes Mal bitte nur ein kleines bisschen weniger hart.“ Von diesem Tag an stand die Waschmaschine auf unserem Flügel nie wieder blockiert herum.
Drei Uhr nachts am Zellenfenster: Wenn selbst die Aufsicht echter Klarheit vertraut
Ein ähnliches Muster zeigte sich, als im direkt über meiner Zelle gelegenen Zugangsstockwerk (Arrivant) ein neuer Häftling einzog, der meinte, nachts um zwei oder drei Uhr stundenlang aus dem Zellenfenster über den Hof brüllen zu müssen, sodass der gesamte Block keinen Schlaf fand.
Am nächsten Morgen nutzte ich eine kurzzeitig geöffnete Gittertür, stieg die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf, klopfte an seine Zellentür und machte ihm durch die Essensklappe unmissverständlich klar, dass ab sofort ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht. Der Neuling lief daraufhin empört zur diensthabenden Wärterin, um sich über mich zu beschweren. Die Antwort der Beamtin sprach Bände: „Hören Sie mal zu: Wenn der Deutschmann extra aus seinem Stockwerk zu Ihnen hochkommt, dann haben Sie irgendeinen Riesenmist gebaut. Lösen Sie das gefälligst selbst mit ihm.“ Am darauffolgenden Tag rief mich der Mann am Gitter zu sich und entschuldigte sich mit Handschlag.
Das entscheidende Gegengewicht: Warum Härte ohne Fairness wertlos ist
Bis hierhin könnte man denken, es ginge lediglich um Durchsetzungskraft. Doch wer nur hart ist, erzeugt Widerstand und heimliche Sabotage. Das wahre Geheimnis meiner Stellung in Saint-Mihiel lag in der zweiten Hälfte der Gleichung:
Später übernahm ich für das gesamte Bâtiment A den Posten des Télé-Auxi – ich war also für die Ausgabe, Reparatur und Abrechnung sämtlicher Fernsehgeräte und Fernbedienungen zuständig. Mein Vorgänger hatte diesen Job wie ein kleiner Fürst verwaltet: Wer ihn am Wochenende oder kurz vor dem abendlichen Einschluss ansprach, weil der Fernseher streikte, wurde schroff abgewiesen („Am Wochenende arbeite ich nicht!“).
Ich führte vom ersten Tag an das genaue Gegenteil ein: Wenn samstags um 18:55 Uhr – fünf Minuten vor dem Einschluss und kurz vor Anpfiff eines wichtigen Fußballspiels – ein Mitgefangener verzweifelt rief, dass sein Gerät kein Bild zeigte oder die Batterien der Fernbedienung leer waren, rannte ich im Laufschritt ins Lager, tauschte das Gerät aus und rettete ihm seinen Abend. Ich behandelte jeden Einzelnen – ob einflussreicher Boss oder mittelloser Neuzugang – mit derselben Pünktlichkeit, Hilfsbereitschaft und Korrektheit.
Drei Lektionen für Führungskräfte in der freien Wirtschaft
- Keine Warnung ohne Konsequenz: Eine Führungskraft sollte nur dann eine rote Linie ziehen, wenn sie auch bereit ist, die angekündigte Konsequenz beim Überschreiten sofort umzusetzen. Leere Drohungen zerstören jede Glaubwürdigkeit.
- Vorleistung durch echten Service: Wer von seiner Mannschaft Spitzenleistung und Disziplin verlangt, muss selbst der verlässlichste Dienstleister seines Teams sein. Wer wie beim Fernsehdienst um 18:55 Uhr für seine Leute da ist, baut ein Vertrauenskonto auf, das auch stürmische Zeiten trägt.
- Schutz der Schwächeren schafft Loyalität: Eine gesunde Kultur erkennt man daran, dass der Stärkste im Raum seine Kraft nutzt, um faire Regeln für alle zu garantieren, statt Willkür zuzulassen.




