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Der Tag der Entlassung: Was Reporter hören wollen – und wie die Wahrheit klingt

Am Ende waren es auf den Tag genau sechs Jahre, sieben Monate und 18 Tage, die ich hinter Gittern verbrachte – rund zweieinhalb Jahre in Frankreich und über vier Jahre in Deutschland. Als sich das Tor der Justizvollzugsanstalt Freiburg schließlich zum letzten Mal hinter mir schloss, begleitete mich ein Fernsehteam bei meinen ersten Schritten in die endgültige Freiheit.

Im Gegensatz zu vielen Entlassenen, die mit einer Plastiktüte und ohne Perspektive auf der Straße stehen, hatte ich in meinen letzten neun Monaten im Freiburger Freigängerhaus – von wo aus ich tagsüber bereits als regulärer Student Informatik-Vorlesungen an der Universität besuchte und abends zum Einschluss ins Gefängnis zurückkehrte – alles minutiös vorbereitet: In meiner Tasche lagen mein Reisepass, mein Sozialversicherungsausweis, meine Bankkarte, ein Mobiltelefon mit aktiver SIM-Karte und ein dicker Ordner voller staatlicher Abschlüsse aus zwei Ländern.

Der Fernsehreporter blickte auf diesen Stapel Zeugnisse und stellte mir die Frage, die mir seitdem hunderte Male gestellt wurde: „Herr Deutschmann, Sie sind als Hauptschüler ins Gefängnis gegangen und kommen heute als Klassenbester mit einem Abitur von 1,5 und als Universitätsstudent wieder heraus. Was ist Ihr großes Geheimnis? Welchen besonderen Trick haben Sie angewandt?“

Der Journalist hoffte sichtlich auf eine dramatische, geheimnisvolle Erfolgsformel. Meine Antwort fiel jedoch völlig nüchtern und unromantisch aus:

„Ich habe überhaupt nichts Besonderes gemacht. Ich habe mich einfach hingesetzt und fast jeden Tag gelernt – sechs Tage die Woche, einen Tag Pause. Und dann habe ich konsequent gelernt, gelernt, gelernt.“

Der Mythos der Motivation und die Mathematik der sechs Tage

Viele Menschen scheitern bei ihren unternehmerischen, beruflichen oder gesundheitlichen Zielen, weil sie auf ein dauerhaftes emotionales Feuerwerk warten. Sie glauben, Spitzenleister würden jeden Morgen mit Gänsehaut und euphorischer Musik im Ohr aufwachen. In der Realität ist Motivation jedoch nur der Zündfunke für den ersten Tag; alles, was danach kommt, ist reine, unspektakuläre Disziplin.

Rechnen wir das Prinzip „Sechs Tage Arbeit, ein Tag Pause“ nüchtern durch: Wer sechs Tage pro Woche jeweils mehrere Stunden hochkonzentriert an einer einzigen Sache arbeitet – sei es das Lernen von Vokabeln und mathematischen Gleichungen hinter Gittern oder der Aufbau eines Vertriebssystems in der Freiheit –, legt im Jahr über 300 volle Trainingstage zurück. Nach drei, fünf oder sieben Jahren entsteht durch diesen Zinseszinseffekt ein Vorsprung, der für Außenstehende wie ein unbegreifliches Wunder aussieht, in Wahrheit jedoch nur das mathematische Ergebnis täglicher Wiederholung ist.

Von 57,5 auf 81 Kilogramm: Der körperliche Wiederaufbau nach dem Gips

Dass exakt dieselbe Gesetzmäßigkeit auch für den menschlichen Körper gilt, musste ich mir im französischen Gefängnis Saint-Mihiel nach einem schweren Rückschlag selbst beweisen. Während meiner ersten sechs Monate im völlig überfüllten Pariser Großgefängnis Villepinte hatte ich keinerlei Sportmöglichkeit gehabt und war durch den Stress und die Mangelernährung auf 57,5 Kilogramm abgemagert.

Als ich in Saint-Mihiel endlich wieder Sport treiben konnte, passierte das Unglück: Beim Basketballspielen riss mir die Achillessehne. Nach der Operation lag mein Bein zweieinhalb Monate lang im Gips. Als der Gips schließlich abgenommen wurde, war meine Waden- und Oberschenkelmuskulatur derart geschwunden, dass mein verletztes Bein kaum dicker als mein Unterarm war. Bei meinem ersten Versuch im Kraftraum schaffte ich kaum eine einzige saubere Kniebeuge mit dem bloßen eigenen Körpergewicht.

Hätte ich in diesem Moment auf mein Gefühl gehört, hätte ich aufgegeben. Stattdessen wandte ich exakt mein Sechs-Tage-System auf das körperliche Training an:

  • Fünf bis sechs feste Trainingstage pro Woche: Gemeinsam mit meinem Mentor Miki ging ich jeden Nachmittag an die mit dicken Stahlseilen gesicherten Kraftgeräte der Anstalt.
  • Millimeterweise Progression: Ich begann mit winzigen Gewichten, steigerte die Wiederholungen Woche für Woche und achtete in unserer kleinen Stationsküche mit zwei Herdplatten penibel auf eiweißreiche Ernährung aus Quark, Eiern, Reis und Hühnchen.
  • Das Ergebnis nach einem Jahr: Innerhalb von zwölf Monaten baute ich rund 16 Kilogramm reine Muskelmasse auf, wog schließlich 81 Kilogramm bei 41 Zentimetern Oberarmumfang und schlug bei Ausdauer-Kraftübungen an den Geräten selbst den fast 1,90 Meter großen litauischen Schwergewichtler Mindy, weil meine Kraftausdauer durch das tägliche Pensum extrem gestählt war.

Warum echte Freiheit im Kopf ein ganzes Jahr braucht

Als ich nach sechs Jahren, sieben Monaten und 18 Tagen schließlich endgültig frei war, merkte ich, wie tief sich Routinen und extreme Lebensphasen in das menschliche System eingraben. Es dauerte nach meiner Entlassung rund sechs Monate, bis ich morgens beim Aufwachen überhaupt rational begriff, dass ich wirklich draußen war – und ein volles Jahr, bis auch mein Nervensystem das Gefühl echter innerer Freiheit zuließ.

Und dennoch sage ich heute aus tiefster Überzeugung: Ich würde diese sieben Jahre niemals aus meinem Gedächtnis streichen wollen. Denn ohne diese harte Schule hätte ich vielleicht niemals erfahren, wozu ein Mensch fähig ist, wenn er jede Ausrede streicht und sich einem kompromisslosen System unterwirft.

Drei Lektionen für unaufhaltsame Umsetzungskraft

  1. System schlägt Talent: Ein ehemaliger Hauptschüler mit einem eisernen Sechs-Tage-Rhythmus überholt auf lange Sicht jeden Hochbegabten, der nur dann arbeitet, wenn er gerade Lust dazu hat.
  2. Der siebte Tag gehört der Regeneration: Wer dauerhaft Höchstleistung bringen will, plant den Ruhetag genauso diszipliniert ein wie die sechs Arbeitstage. Ohne Pause reißt irgendwann jede Sehne.
  3. Klein anfangen, niemals aussetzen: Auch wenn das Bein nach dem Gips kaum das eigene Gewicht trägt oder das neue Unternehmen im ersten Monat kaum Umsatz schreibt – wer jeden Tag seine Wiederholungen macht, gewinnt am Ende zwangsläufig.
Medien-Perspektive: Die tiefgreifenden Lehren aus sieben Jahren Haft und echter Verantwortungsübernahme thematisierte auch das renommierte Talkformat SWR Nachtcafé («Mein Leben nach dem Verbrechen» auf der Presse-Seite), in dem ich als Gast über meinen Weg sprach.

Dein nächster Schritt

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  • Sieh Dir die Dokumentation an: Den Beitrag über meinen Weg vom Hauptschüler zum Abiturienten findest Du hier auf YouTube.
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Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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