Schneller anhören spart Zeit. Vertont durch Vavene Vocalis (Marcos KI-Stimme)
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Der stille Tod auf dem Reißbrett

Viele Gründer, Selbstständige und Führungskräfte tappen in dieselbe psychologische Falle: Sie glauben, sie dürften erst mit einem neuen Produkt an den Markt gehen, einen Vertriebskanal öffnen oder eine strategische Neuausrichtung starten, wenn jedes Detail zu hundert Prozent ausgearbeitet ist. Man feilt monatelang an Präsentationen, überarbeitet zum zehnten Mal das Design der Webseite, sucht nach theoretischen Schwachstellen im Businessplan – und verwechselt diese endlose Vorbereitung mit echter unternehmerischer Arbeit.

Als mir in einem ausführlichen Podcast-Gespräch am Ende eine klassische Frage aus einem Kartenspiel gestellt wurde – „Wenn du eine einzige Fähigkeit sofort perfekt beherrschen könntest, welche wäre das?“ –, überraschte meine Antwort den Gastgeber komplett. Meine Antwort lautete: Keine einzige.

Ich will überhaupt nichts im Leben von Anfang an perfekt beherrschen. Kurz zuvor hatte ich einen Satz geprägt, der meine gesamte Philosophie im Unternehmertum (Entrepreneurship) auf den Punkt bringt: Perfektion killt. Wer wartet, bis ein Plan makellos ist, schützt in Wahrheit nur sein eigenes Ego vor der Konfrontation mit der Realität.

Warum die Natur keine Perfektion kennt – und warum gerade das ihr Motor ist

Mein ganzes Leben und meine Arbeit im Business bauen auf einem scheinbaren Paradoxon auf: Ich strebe in allem, was ich tue, nach höchster Exzellenz – im absoluten Wissen, niemals perfekt zu sein. Wer die Gesetze der Mathematik und der Biologie nüchtern betrachtet, erkennt sofort, warum das gar nicht anders sein kann.

Reine Perfektion existiert ausschließlich als abstraktes Konstrukt in der Mathematik auf einem weißen Blatt Papier. Sobald man dieses Blatt verlässt und in die reale physische Welt eintritt, gibt es keinen makellosen Zustand mehr. Die gesamte Natur ist voller Abweichungen. Selbst wenn sich im menschlichen Körper Zellen millionenfach teilen, passieren bei diesem Kopiervorgang irgendwann winzige Kopierfehler. In der Biologie nennt man diese Abweichung Mutation – und genau diese vermeintlichen Fehler sind seit Jahrmilliarden der einzige Motor der Evolution und Anpassung. Ohne den Fehler im System gäbe es überhaupt keine Weiterentwicklung.

„Ich baue mein Leben darauf auf, nach Perfektion zu streben – im klaren Wissen, niemals perfekt zu sein. Denn Perfektion existiert nur in der Mathematik auf dem Blatt Papier. Die Natur kennt keine Perfektion, sie wächst durch ihre Fehler.“

Überträgt man dieses Naturgesetz auf den Aufbau einer Firma, fällt die Angst vor dem unfertigen Start sofort in sich zusammen. Ich habe im Laufe meines Lebens nach meiner Haftentlassung mehrere Unternehmen gegründet und manche davon auch wieder eingestampft. Jedes Mal habe ich dabei sogenanntes Lehrgeld gezahlt. Doch wer dieses Lehrgeld als persönliches Scheitern bewertet, hat das Spiel der Wirtschaft nicht verstanden. Im Markt gewinnt niemals derjenige, der am Schreibtisch den fehlerfreien Plan entwirft, sondern derjenige, der schnell handelt, das echte Kundenfeedback aufnimmt und sein System im laufenden Betrieb anpasst.

Das Kaizen-Prinzip in der Gefängnisküche und die 80-Prozent-Regel

Wie man den Anspruch auf Spitzenleistung mit pragmatischer Umsetzung verbindet, habe ich schon während meiner Haftzeit radikal angewandt. In Japan gibt es dafür einen Begriff, der mein Denken seit Jahrzehnten begleitet: Kaizen – die kontinuierliche, schrittweise Verbesserung. In vielen japanischen Produktionsbetrieben übernimmt ein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz vom Vorgänger mit dem ausdrücklichen Auftrag, die bestehenden Abläufe zu hinterfragen und jeden Tag um ein kleines Stück effizienter zu gestalten.

Exakt diese Haltung habe ich selbst hinter Gittern gelebt. Als ich in der JVA Stammheim in der Küche arbeitete, gab es dort Arbeitsbereiche, die traditionell mit drei Gefangenen besetzt waren. Weil mein innerer Anspruch lautet, jede Arbeit – selbst wenn ich nur die Straße kehre – mit maximalem Fokus und Einsatz zu erledigen, analysierte ich jeden Handgriff, eliminierte Leerlauf und strukturierte die Abläufe so konsequent um, dass ich die Arbeit von drei Personen alleine in derselben Zeit erledigte.

Damit man bei diesem hohen Tempo jedoch nicht in die Perfektions-Paralyse verfällt, nutze ich für meine eigene Wochenplanung und für die Führung von Unternehmen eine glasklare mathematische Schwelle: die 80-Prozent-Regel. Wenn ein Wochenplan, ein Projektstart oder ein neues System zu 80 Prozent steht und eingehalten wird, gilt das Ziel als erreicht. Die letzten 20 Prozent entstehen niemals im stillen Kämmerlein, sondern immer erst durch die Reibung in der Praxis.

Warum die Steilwand auf 2.700 Metern wertvoller ist als das Gipfelkreuz

Es gibt noch einen zweiten, viel tieferen Grund, warum ich mir niemals wünschen würde, eine Fähigkeit sofort fehlerfrei zu beherrschen: Es würde dem Leben seinen gesamten Reiz rauben.

Ich verbringe meine freie Zeit leidenschaftlich gerne im Hochgebirge. Erst ab einer Höhe von rund 2.200 Metern fühle ich mich richtig wohl, und am liebsten bin ich auf anspruchsvollen Klettersteigen bis auf 2.700 Meter Höhe unterwegs. Wer solche alpinen Routen kennt, weiß, dass es dort rau, anstrengend und bei Unachtsamkeit auch lebensgefährlich wird. Man spürt den kalten Stahl des Drahtseils, sucht unter körperlicher Anstrengung den nächsten Tritt im Fels und muss mit voller geistiger Präsenz im Hier und Jetzt bleiben.

Das Faszinierende daran ist: Der eigentliche Aufstieg in der Steilwand gibt mir unendlich viel mehr Energie, Lebensfreude und innere Erfüllung als der kurze Moment, in dem man schließlich oben am Gipfelkreuz steht. Das Gipfelkreuz ist nur der formelle Schlusspunkt. Die wahre Stärke, die mentale Widerstandskraft (Resilienz) und der Charakter werden ausschließlich auf dem steinigen Weg nach oben geformt. Würde man sich mit einem Hubschrauber perfekt gestylt direkt auf den Gipfel absetzen lassen, wäre der Ausblick derselbe – doch innerlich wäre man keinen einzigen Millimeter gewachsen.

Drei Lektionen für unternehmerische Umsetzungskraft

  1. Die 80-Prozent-Schwelle als Startschuss: Ein Produkt, ein Angebot oder ein interner Prozess muss beim ersten Gang an den Markt nicht zu 100 Prozent glänzen. Sobald 80 Prozent der Substanz stehen, gehört das Vorhaben auf die Straße. Erst der echte Markt zeigt, welche Details überhaupt relevant sind.
  2. Kaizen statt Schockstarre: Exzellente Selbstführung (Self-Leadership) bedeutet nicht, im ersten Wurf fehlerfrei zu sein, sondern jeden Tag den bestehenden Prozess um ein Prozent klüger, schneller und wirksamer zu machen als am Vortag.
  3. Die Steilwand lieben lernen: Wer im Business nur auf den großen Exit oder das fertige Endergebnis schielt, verliert auf halber Strecke die Kraft. Ein starker Unternehmer zieht seine Energie aus dem täglichen Lösen von Problemen, dem Gewinnen von Kunden und dem Überwinden von Widerständen.
Medien-Perspektive: Die tiefgreifenden Lehren aus sieben Jahren Haft und echter Verantwortungsübernahme thematisierte auch das renommierte Talkformat SWR Nachtcafé («Mein Leben nach dem Verbrechen» auf der Presse-Seite), in dem ich als Gast über meinen Weg sprach.

Dein nächster Schritt

Blockiert Dich Dein eigener Perfektionismus aktuell noch dabei, ein neues Angebot auf den Markt zu bringen, eine wichtige unternehmerische Entscheidung zu treffen oder endlich sichtbar zu werden? Im P.E.R.L.S.-System schlagen wir diesen theoretischen Knoten durch und übersetzen Planung in messbare geschäftliche PS.

  • Sieh Dir das komplette Gespräch an: Das ungeschnittene Podcast-Interview findest Du hier direkt auf YouTube.
  • 1:1 Mentoring & Unternehmensaufbau: Wenn Du aufhören willst, Deine Pläne endlos am Schreibtisch zu polieren, informiere Dich über meine Marco Deutschmann LTD., besuche meine Seminare oder buche Dein persönliches Strategiegespräch auf der Mentoring-Seite.
Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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