„Scheiß Sprache, scheiß Land“: Das Gefängnis im eigenen Kopf
Es gibt kein stärkeres Betäubungsmittel für das menschliche Ego als eine gut klingende Ausrede. Wenn ein Unternehmen stagniert, eine Karriere feststeckt oder das eigene Leben gegen die Wand fährt, liefert der Verstand sofort tausend äußere Schuldige: Die Wirtschaftslage ist schlecht, der Staat ist ungerecht, die Gesetze sind schuld oder das Umfeld hat einen im Stich gelassen. Im ersten Moment fühlt sich diese Opferhaltung warm und entlastend an. In Wahrheit zahlt man dafür jedoch den höchsten Preis, den es gibt: Man tritt seine gesamte Gestaltungsmacht ab.
Wie zerstörerisch diese Verweigerung von Eigenverantwortung wirkt, habe ich während meiner Haftzeit in Frankreich wie unter einem Vergrößerungsglas beobachtet. Als ich nach meiner Verurteilung wegen des Transports von 4.695 Gramm Kokain in den französischen Strafvollzug kam, sprach ich gerade einmal fünf Wörter Französisch – und drei davon waren Schimpfwörter.
Im Gefängnis traf ich schon bald auf eine kleine Gruppe anderer deutscher Häftlinge. Einer dieser Männer saß zu diesem Zeitpunkt bereits seit geschlagenen zwölf Jahren in französischer Haft – und sprach noch immer kein einziges Wort Französisch. Wenn man sich mit dieser Gruppe unterhielt, hörte man jeden Tag exakt dieselbe Litanei: „Scheiß Sprache! Scheiß Franzosen! Scheiß Land! Scheiß System!“ Sie verweigerten jede Anpassung, ließen sich gehen und suhlten sich jahrelang in ihrer Verbitterung über die angebliche Ungerechtigkeit des französischen Staates.
Der nüchterne Realitätscheck: Niemand hat uns eingeladen
Ich hörte mir dieses Gejammer nur sehr kurz an und hielt meinen Landsleuten dann ungeschminkt den Spiegel vor: „Freunde, das Land Frankreich, seine Bürger und die französische Sprache können absolut nichts dafür, dass wir hier sitzen. Niemand hat uns eine Einladung geschickt, mit einem Koffer voller Kokain über Paris zu fliegen. Wir haben dieses Gesetz gebrochen – niemand sonst.“
Natürlich kann man über die Härte eines Strafmaßes, über die Zustände auf den Zellen oder über juristische Details wie meine spätere zweite Verurteilung in Deutschland diskutieren. Doch die Grundtatsache bleibt rein mathematisch und logisch unbestechlich: Ich selbst hatte die Entscheidung getroffen, diesen Koffer von A nach B zu tragen. Zwar war ich bei den ersten beiden Reisen mit Anfang zwanzig naiv hineingerutscht, und bei der dritten und vierten Reise hatte mich mein eigener Vater nach seinem gescheiterten Suizidversuch und einer offenen Forderung über 10.000 Euro massiv emotional manipuliert. Dennoch galt am Ende des Tages: Niemand hat mich mit vorgehaltener Waffe ins Flugzeug gezwungen. Die finale Entscheidung habe ich selbst getroffen.
In der Sekunde, in der ich diese 100-prozentige Verantwortung akzeptierte, fiel der gesamte innere Widerstand von mir ab. Während die Nörgler weiter über das „scheiß Land“ schimpften, distanzierte ich mich von ihnen und begann im Selbststudium und in der Gefängnisschule jeden Tag Französisch zu büffeln.
Die Wendung durch Handeln: Vom Außenseiter zum unverzichtbaren Übersetzer
Die Reaktionen auf meinen Entschluss waren anfangs absurd: Zuerst konnten mich die deutschen Mitgefangenen nicht mehr leiden, weil ich bei ihrem kollektiven Jammern nicht mehr mitmachte und stattdessen die Sprache des „Feindes“ lernte. Gleichzeitig beäugten mich auch viele Franzosen misstrauisch und fragten sich, warum dieser ausländische Deutsche plötzlich so ehrgeizig ihre Sprache lernt.
Doch ich zog meinen Plan stur durch. Wenige Monate später sprach ich fließend Französisch – und plötzlich drehte sich das gesamte Machtgefüge im Trakt:
- Vom Bittsteller zum Problemlöser: Auf einmal standen genau jene deutschen Häftlinge, die mich zuvor belächelt hatten, vor meiner Zellentür, weil ich der Einzige war, der ihre offiziellen Gerichtsbriefe und Anträge übersetzen konnte.
- Zugang zu Jobs und Privilegien: Weil ich mich mit den Wärtern und der Anstaltsleitung präzise verständigen konnte, bekam ich verantwortungsvolle Arbeitsstellen im Gefängnis, verdiente eigenes Geld und erwarb drei französische Schulabschlüsse inklusive Buchhaltung.
- Agieren statt Reagieren: Ich war kein hilfloser Spielball der Verwaltung mehr, sondern konnte meine Situation aktiv steuern.
Die Motorrad-Regel und das Vorbild Michael Schumacher
Im Self-Leadership unterscheide ich strikt zwischen Reagieren und Agieren. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer erkläre ich das oft mit einem Bild von der Straße: Wenn mitten in der Kurve ein dicker Stein auf dem Asphalt liegt, bedeutet Reagieren, blind über den Stein zu brettern, zu stürzen und im Nachhinein zu versuchen, den Aufprall in der Leitplanke irgendwie abzufedern. Agieren hingegen bedeutet, die Fahrbahn weit im Voraus zu scannen, den Stein frühzeitig zu sehen und ihm proaktiv auszuweichen, bevor der Schaden entsteht. Wer in der Opferrolle verharrt, wird im Leben immer handlungsunfähig – und Handlungsunfähigkeit führt ausnahmslos in die Leitplanke.
Was wahre Größe in Sachen Verantwortung bedeutet, erzählte mir einmal ein ehemaliger Mechaniker von Michael Schumacher. Als Schumacher beim Rennen in Silverstone geradeaus in den Reifenstapel raste und sich das Schienbein brach, lag die Ursache intern an einem technischen Defekt am Fahrzeug. Doch was sagte Schumacher vor der Weltpresse? Er stellte sich vor seine Mechaniker und erklärte, er habe einen fahrerischen Fehler gemacht. Er nahm die Verantwortung auf seine eigene Kappe, um sein Team zu schützen und handlungsfähig zu halten.
Drei Lektionen für radikale Eigenverantwortung
- Schuldzuweisung ist Machtverlust: Solange der Markt, der Geschäftspartner, die Politik oder die Vergangenheit an einer Misere schuld sind, kann man selbst nichts ändern. Sobald man die Verantwortung zu 100 Prozent zu sich zurückholt, gewinnt man in derselben Sekunde die volle Handlungsfreiheit zurück.
- Die Sprache des Problems lernen: Wer in eine fremde Krise, einen neuen Markt oder eine juristische Auseinandersetzung gerät, darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Wie beim Französischlernen im Gefängnis gilt: Erst wer die Regeln, Zahlen und Gesetze seines Umfelds besser beherrscht als der Durchschnitt, übernimmt wieder das Steuer.
- Einfluss und Schuld sauber trennen: Man ist nicht immer alleinige Ursache für alles, was im Außen passiert – doch man ist immer zu 100 Prozent verantwortlich für die eigene Antwort darauf.




