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„Das findest du schon heraus“: Die Schule der totalen Selbstständigkeit

Es gibt einen Satz, der das gesamte Leben meiner UNCUT-Gesprächspartnerin Ulrike Laubner-Kelleher wie ein roter Faden durchzieht: „Love it, change it or leave it – and don't whine about it!“ Zu Deutsch: Liebe es, verändere es oder verlasse es – und jammere nicht darüber herum.

Woher kommt diese kompromisslose Tatkraft? Als Ulrike nach ihrer Damenschneiderlehre beschloss, Bekleidungstechnik zu studieren, stammte sie aus einem Elternhaus, das ihr kein monatliches Sorglos-Paket überweisen konnte. Als sie ihre Eltern fragte: „Wie soll ich mein Studium finanzieren?“, lautete deren trockene Antwort: „Wir wissen es nicht – das findest du schon heraus.“

Im ersten Moment klang dieser Satz hart. Im Rückblick war er das größte Geschenk für ihre Eigenverantwortung. Weil niemand da war, der ihr die Steine aus dem Weg räumte, lernte sie vom ersten Tag an, für jedes Problem eine eigene Lösung zu erfinden. Nach ihrem Studium in Berlin und England reiste sie mit nichts weiter als einer Nähmaschine, einem Computer und einem Bügeleisen im Gepäck nach St. Gallen in die Ostschweiz – genau in jene Stadt, in der auch ich heute lebe und arbeite. Geplant waren zwei Jahre in der berühmten St. Galler Haute Couture; am Ende wurden daraus 21 erfolgreiche Jahre in der Schweiz.

Wenn das Tempo das System überfordert: Von der Haute Couture in die Teppichetage

Schon bei ihrer ersten Schweizer Station im Textildesign zeigte sich, was passiert, wenn unbändige Macher-Energie auf verkrustete Strukturen trifft. Ulrike führte dort moderne Windows-Rechner und digitale Zeichenprogramme ein. Eines Tages stürzte ihr Computer mitten in der Arbeit immer wieder ab. Als die herbeigerufenen IT-Techniker den Fehler suchten, unterstellten sie der jungen Deutschen zunächst herablassend, sie bediene das Programm schlichtweg falsch.

Ulrike bat die Herren ruhig, sich hinter sie zu stellen und ihr fünf Minuten lang bei der Arbeit auf die Finger zu schauen. Das Ergebnis: Ihre Eingabegeschwindigkeit an Tastatur und Maus war so hoch, dass der Arbeitsspeicher des Standard-Rechners ihre Befehle gar nicht schnell genug verarbeiten konnte. Noch in derselben Woche stand die leistungsstärkste Workstation des Hauses auf ihrem Schreibtisch.

Doch ihr eigentlicher Härtetest in Sachen Leadership folgte wenig später beim traditionsreichen Schweizer Nähmaschinenhersteller Bernina in Steckborn am Bodensee. Während sie parallel zu einem 150-Prozent-Pensum an der Hochschule in Luzern ein Nachdiplomstudium im Wirtschaftsingenieurwesen und Unternehmertum absolvierte, stieg sie als erste weibliche Produktmanagerin überhaupt in die bisher rein männlich besetzte Führungsetage auf.

Acht Kritiker beim obersten Chef – und die Flucht nach vorn

Der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten. Acht bis zehn gestandene männliche Kollegen aus Entwicklung und Management fühlten sich durch die direkte, unerschrockene Art der jungen deutschen Ingenieurin derart provoziert, dass sie geschlossen zum obersten Unternehmenschef marschierten und ihre Entlassung forderten.

Bei der kurz darauf stattfindenden Weihnachtsfeier steckte ihr ein wohlgesonnener Kollege vertraulich, was hinter den Kulissen gespielt wurde. Wie reagiert man in einer solchen Situation? Wer sich gekränkt in sein Büro zurückzieht oder in den Verteidigungsmodus schaltet, hat bereits verloren. Ulrike tat das genaue Gegenteil:

  1. Schreibtisch mitten ins Krisengebiet: Sie räumte ihr Büro in der Teppichetage und stellte ihren Schreibtisch mitten in die technische Entwicklungsabteilung – genau dorthin, wo ihre schärfsten Kritiker saßen.
  2. Das Einzelgespräch auf Augenhöhe: Sie ging aktiv auf jeden einzelnen der acht bis zehn Kollegen zu und fragte offen: „Ich habe gehört, du bist unzufrieden mit meiner Arbeit. Sag mir bitte direkt ins Gesicht, woran es liegt und wie wir das gemeinsam lösen.“
  3. Vertrauen durch Nähe: Unter vier Augen fiel die kollektive Abwehrmauer in sich zusammen. Aus den schärfsten Gegnern wurden loyale Mitstreiter, weil sie spürten, dass hier jemand nicht von oben herab kommandierte, sondern die Ärmel hochkrempelte.
„Love it, change it or leave it – and don't whine about it! Entweder du akzeptierst eine Situation, du veränderst sie aktiv oder du gehst. Nur eines ist verboten: bleiben und jammern.“

Blutdruck 250 zu 180: Als der Körper die Notbremse zog

Wer über Jahre hinweg auf diesem Drehzahlniveau fährt – morgens um sieben Uhr als Erste im Büro, abends um einundzwanzig Uhr als Letzte am Schreibtisch, dazu ein berufsbegleitendes Studium –, hält sich irgendwann für unverwundbar. Bis der eigene Körper die Rechnung präsentiert.

Eines Tages brach Ulrike zusammen und wurde als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Die Messgeräte zeigten einen lebensbedrohlichen Blutdruck von 250 zu 180. Die Ärzte machten ihr unmissverständlich klar, dass sie nur knapp einem Schlaganfall oder Herzinfarkt entgangen war. In dieser Extremsituation wandte Ulrike ihr Lebensmotto konsequent auf sich selbst an („Change it or leave it“): Sie zog aus der Hektik in ein ruhiges Haus mit großem Garten, schaffte sich zwei Katzen an, lernte die Kunst der echten Regeneration und machte sich schließlich vor über zwölf Jahren in Winterthur mit ihrer eigenen Beratungsfirma selbstständig, bevor sie später mit ihrem amerikanischen Mann in die USA zog.

Selbst in ihrer neuen Wahlheimat am Lake Erie blieb sie ihrem Prinzip treu: Als sie sich auf einer vernachlässigten Straße in einem tiefen Schlagloch (Pothole) die Achse ihres Autos brach, jammerte sie nicht am Küchentisch, sondern schickte der zuständigen Bezirksverwaltung (County) eine amtlich beglaubigte Schadensrechnung über 600 Dollar – mit dem Effekt, dass sie nicht nur den Scheck erhielt, sondern kurz darauf die gesamte Straße frisch asphaltiert wurde.

Drei Lektionen für Macher und Führungskräfte

  1. Kritiker niemals aus der Distanz bekämpfen: Wenn in einer Organisation Widerstand gegen Veränderungen aufkommt, löst man ihn nicht durch E-Mails aus der Chefetage, sondern indem man seinen Stuhl mitten ins Team stellt und das direkte Vier-Augen-Gespräch sucht.
  2. Wahre Stärke kennt ihre biologische Grenze: Eiserne Disziplin ist eine Hochleistungswaffe; ohne bewusste Regeneration führt sie jedoch direkt in den körperlichen Kollaps. Ein starkes Self-Leadership sorgt rechtzeitig für Ruheinseln, bevor der Blutdruck das Kommando übernimmt.
  3. Jammern konsequent aus dem Wortschatz streichen: Ob ein kaputter Prozess in der Firma oder ein Schlagloch auf der Straße – wer Energie ins Klagen steckt, verschwendet Lebenszeit. Entweder man reicht die offizielle Lösung ein, oder man verlässt das Spielfeld.
Impuls aus der Wirtschaft: Warum das offene Sprechen über unternehmerische Herausforderungen und Wandel entscheidend ist, betonte ich auch bei den 20. Egger Wirtschafts-Gesprächen («Aus Fehlern lernen statt nur Erfolge feiern» auf der Presse-Seite).

Dein nächster Schritt

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  • Sieh Dir das komplette Gespräch an: Die ungeschnittene UNCUT-Folge mit Ulrike Laubner-Kelleher findest Du hier auf YouTube.
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Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
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