Das schönste Kompliment eines Personalchefs
Wer über siebzehn Jahre hinweg als Hauptamtsleiter und Personalchef die Verantwortung für mehr als 1.000 Mitarbeitende, hunderte Stellenpläne und millionenschwere Personalbudgets trägt, steht jeden Tag im Kreuzfeuer widersprüchlicher Erwartungen. Auf der einen Seite verlangen Gemeinderat, Aufsichtsgremien oder Geschäftsführung eiserne Haushaltsdisziplin – etwa wenn beschlossen wird, dass sämtliche befristeten Arbeitsverträge ausnahmslos auslaufen müssen oder zehn Prozent der Stellen eingespart werden. Auf der anderen Seite sitzen echte Menschen mit Familien, Sorgen und Lebensentwürfen.
Als ich meinen UNCUT-Gast Günter Liebi fragte, welches Feedback aus seinen 41,5 Dienstjahren ihm am meisten bedeutet habe, zitierte er den Satz eines langjährigen Wegbegleiters:
Genau dieser Satz beschreibt die Königsdisziplin moderner Leadership: Wie gelingt es einer Führungskraft, im System kompromisslos klar zu steuern und gleichzeitig im direkten Kontakt maximale menschliche Wärme auszustrahlen? Im Gespräch legte Günter die drei Säulen offen, auf denen diese Haltung ruht.
1. Das paulinische Menschenbild – und warum falsche „Altersmilde“ 700 E-Mails kostet
Welches Grundbild hat ein Vorgesetzter von seinen Mitarbeitenden? Günter orientiert sich seit Jahrzehnten an dem, was er das paulinische Menschenbild nennt (angelehnt an die Briefe des Apostels Paulus): Jeder Mensch trägt sowohl das Potenzial zu außergewöhnlicher Leistung und Güte als auch die Neigung zu Bequemlichkeit und Fehlverhalten in sich.
Für die Führungspraxis bedeutet das: Man begegnet jedem neuen Mitarbeiter vom ersten Tag an mit einem echten Vertrauensvorschuss, setzt jedoch niemals die rosarote Brille auf. Wie gefährlich es ist, wenn man bei Warnsignalen in der Probezeit aus falsch verstandener Nachsicht beide Augen zudrückt, erlebte Günter gegen Ende seiner Laufbahn selbst – eine Erfahrung, die er selbstkritisch als Fehler seiner „Altersmilde“ bezeichnete.
Obwohl es bei einer Neueinstellung während der sechsmonatigen Probezeit (beziehungsweise der dreijährigen Probezeit im Beamtenverhältnis) deutliche Hinweise darauf gab, dass die Person menschlich und fachlich nicht in die Struktur passte, gab man ihr aus Gutmütigkeit noch eine Chance. Das Ergebnis nach der Festanstellung war ein jahrelanger Albtraum, der am Ende eine Akte mit rund 700 internen Beschwerde- und Konflikt-E-Mails füllte und das gesamte Umfeld lähmte.
Wahre Empathie im Personalmanagement bedeutet deshalb nicht, Konflikten in der Probezeit auszuweichen. Wer einen unpassenden Mitarbeiter frühzeitig und fair verabschiedet, schützt die Gesundheit und Arbeitsfreude der übrigen zwanzig Teammitglieder.
2. „Da sitzt das Böse“: Wie man Statusmauern in der Kantine einreißt
In vielen großen Organisationen und Behörden herrscht noch immer ein unsichtbares Kastensystem: Die Führungsetage speist unter sich, grüßt auf dem Flur nur knapp und bleibt für die Basis unsichtbar. Als einmal externe Gäste aus einer anderen Verwaltung die Kantine von Günters Haus besuchten und sahen, wie sich junge Sachbearbeiter und Auszubildende völlig ungezwungen mit ihrem Tablett an den Tisch des Hauptamtsleiters setzten und mit ihm lachten, staunten die Besucher Bauklötze: „Bei uns im Haus würde sich niemals jemand freiwillig an den Tisch des Hauptamtsleiters setzen – dort heißt es immer: Da sitzt das Böse!“
Warum war das bei Günter völlig anders? Weil er Nahbarkeit systematisch kultivierte:
- Jedes Gesicht und jeden Namen kennen: Bis zu einer Hausgröße von 700 bis 800 Mitarbeitenden nahm Günter an fast jedem einzelnen Vorstellungsgespräch persönlich teil. Wenn er später über den Flur lief, grüßte er nicht anonym, sondern sagte: „Guten Morgen, Frau Meier, wie läuft der Einstieg im Fachbereich?“
- Begegnung außerhalb der Hierarchie: Er lud seine direkt unterstellten Führungskräfte regelmäßig zu entspannten Spieleabenden zu sich nach Hause ein, bei denen nicht über Akten, sondern von Mensch zu Mensch gesprochen wurde.
Wer im Alltag als nahbarer Mensch greifbar ist, dem nimmt das Team auch in Krisenzeiten harte strukturelle Entscheidungen ab, weil jeder weiß, dass dahinter keine menschliche Kälte steckt.
3. „Der Fisch muss auf den Tisch“ und der ehrliche Spiegel nach dem Zoom-Call
Die dritte Säule seiner Führungskraft ist eine kompromisslose Kommunikationskultur nach dem Prinzip: „Der Fisch muss auf den Tisch!“ Wenn ein Konflikt im Raum steht, wird er nicht monatelang unter dem Teppich geparkt, bis er das gesamte Raumklima vergiftet, sondern sofort offen, respektvoll und unter vier Augen angesprochen.
Doch wie schützt sich ein mächtiger Personalchef davor, mit den Jahren selbst betriebsblind oder überheblich zu werden? Günter installierte für sein eigenes Self-Leadership zwei tägliche Korrektive:
- Die morgendliche Stille und das digitale Tagebuch: Jeden Morgen nimmt er sich gemeinsam mit seiner Frau bei einer Tasse Kaffee bewusst Zeit für Stille, Besinnung und das Führen eines digitalen Tagebuchs in Evernote, um schwierige Entscheidungen vorab innerlich zu klären.
- Der geschützte Feedback-Partner im Team: Er vereinbarte mit einer vertrauten Führungskraft aus seinem Bereich ein festes Ritual: Nach schwierigen Sitzungen oder Videokonferenzen blieben die beiden noch zwei Minuten länger im Zoom-Raum. Und dieser Kollege hatte die ausdrückliche Erlaubnis, ihm ungeschminkt zu sagen: „Günter, der eine Satz, den du vorhin zu dem Abteilungsleiter gesagt hast, ging zu weit – das solltest du korrigieren.“
Drei Lektionen für empathische Spitzenführung
- Klarheit in der Probezeit ist Fürsorge für das Team: Wer die ersten sechs Monate nicht konsequent zur Prüfung nutzt, bezahlt später mit jahrelangen Reibungsverlusten.
- Statussymbole abbauen, Präsenz aufbauen: Wer Namen kennt und sich in der Kantine mitten unter seine Leute setzt, gewinnt einen Vertrauensvorschuss, den kein Rundschreiben ersetzen kann.
- Jede Führungskraft braucht einen ehrlichen Spiegel: Je höher man in der Hierarchie steigt, desto seltener hört man ungefilterte Kritik – es sei denn, man organisiert sich aktiv einen Menschen, der einem unter vier Augen die Wahrheit sagt.




