Zwei Fragen, eine einzige Antwort: Wer bin ich wirklich?
Gegen Ende unseres fast zweistündigen UNCUT-Gesprächs stellte ich Günter Liebi – der Ende 2024 nach exakt 41 Jahren und sechs Monaten im öffentlichen Dienst, davon über 17 Jahre als Hauptamtsleiter und Personalchef für mehr als 1.000 Mitarbeitende, in den Ruhestand trat – zwei bilanzierende Fragen:
- „Was war rückblickend deine größte persönliche Errungenschaft als Führungskraft?“
- „Welche eine Fähigkeit sollte ein 25-jähriger Mensch heute als Allererstes entwickeln?“
Auf beide Fragen gab der erfahrene Personalchef ohne eine Sekunde des Zögerns exakt dieselbe Antwort: Die eigene Identität finden, sich selbst radikal ehrlich kennen – und im Beruf ganz man selbst bleiben.
In einer Arbeitswelt, in der junge Menschen und Führungskräfte ständig fremde Rollenbilder auf LinkedIn kopieren oder sich in Stellenprofile pressen lassen, die völlig gegen ihre innere Natur laufen, ist diese Erkenntnis der Schlüssel zu lebenslanger Leistungsfähigkeit und Self-Leadership.
„Klassenkasper und Klassensprecher“: Die Kunst, seine Schwächen zu delegieren
Wie findet man heraus, wer man im Kern ist? Günter blickte im Podcast zurück auf seine eigene Schulzeit. Damals vereinigte er zwei scheinbar gegensätzliche Rollen in einer Person: Er war gleichzeitig der Klassenkasper, der mit Humor und Schlagfertigkeit für Stimmung sorgte, und der gewählte Klassensprecher, dem seine Mitschüler zutrauten, ihre Interessen vor den Lehrern zu vertreten.
Über die Jahrzehnte im Beruf erkannte er, dass genau diese Kombination seine natürliche Superkraft war: Er liebte die Bühne, die lebendige Rhetorik, das Gewinnen von Menschen und das Zeichnen der großen strategischen Linien.
Gleichzeitig war er ehrlich genug, sich einzugestehen, wo seine natürliche Begabung endete: Kleinteilige Zahlenkolonnen, endlose Excel-Tabellen und buchhalterische Detailprüfungen raubten ihm jede Energie. Anstatt nun zwanzig Jahre lang krampfhaft zu versuchen, ein mittelmäßiger Erbsenzähler zu werden, tat er als Hauptamtsleiter das einzig Kluge: Er holte sich einen Kollegen ins Team, der Zahlen und Tabellen über alles liebte, übertrug ihm die volle Verantwortung für das Controlling und gab ihm den ausdrücklichen Auftrag: „Du darfst und musst mir bei den Zahlen jederzeit reinreden!“
Die Sprachschule ohne „-heit, -keit und -ung“
Dass treue Identität nichts mit Lernverweigerung zu tun hat, sondern durch gute Mentoren geschliffen wird, erzählte Günter anhand einer wunderbaren Episode aus seinen ersten Berufsjahren. Wie viele junge Absolventen der Verwaltungshochschule schrieb auch er anfangs gestelzte, bürokratische Sätze voller schwerfälliger Substantive.
Sein damaliger erster Chef nahm ihn beiseite, legte den Finger auf seinen Entwurf und sagte einen Satz, den Günter nie wieder vergaß:
Günter nahm diese Kritik an, entrümpelte seinen Schreibstil radikal und verband juristische Präzision mit seiner natürlichen, bildhaften Sprache. Jahre später machte ihm der persönliche Referent des Landrats das Kompliment, es gebe im gesamten Haus mit über tausend Beschäftigten kaum jemanden, dessen Vorlagen und Briefe so glasklar und kraftvoll zu lesen seien wie seine. Er hatte das Handwerk gelernt, ohne seine eigene Stimme zu verlieren.
Das Zwei-Listen-Audit: Warum der Zahlenmensch im Bürgerbüro unglücklich wird
Für jeden jungen Menschen, der am Beginn seiner Laufbahn steht – ebenso wie für jede Führungskraft in einer beruflichen Neuorientierung –, empfahl Günter im Gespräch ein einfaches, unbestechliches Zwei-Listen-Audit:
- Liste 1 (Stärken & Energiegeber): Was fällt mir leicht, was mache ich mit natürlicher Begeisterung und wo erziele ich mühelos überdurchschnittliche Ergebnisse?
- Liste 2 (Schwächen & Energieräuber): Welche Tätigkeiten widersprechen meinem Naturell, strengen mich überproportional an und gelingen mir selbst mit viel Mühe nur mittelmäßig?
Als Personalchef sah Günter hunderte Male, was passiert, wenn Menschen auf dem falschen Stuhl sitzen: Wer von seiner Persönlichkeit her extrem zahlen-, daten- und faktenorientiert ist und Ruhe für präzise Analysen braucht, geht im quirligen Bürgerbüro mit hunderten ungeduldigen Besuchern am Tag seelisch zugrunde – blüht jedoch im Rechnungsprüfungsamt oder in der Finanzabteilung auf. Umgekehrt verkümmert ein herzlicher, kommunikativer Menschenfreund in einem trockenen Jurastudium oder in einer einsamen Prüfstelle, während er im Personalwesen, im Vertrieb oder in der Projektleitung zur Höchstform aufläuft.
Ein ehrliches Wort an die junge Generation: Erst liefern, dann fordern
Abschließend richteten Günter und ich im Podcast einen klaren Appell an die heutige Generation der 20- bis 30-Jährigen. Natürlich hat sich die Arbeitswelt gewandelt, und kein kluger Arbeitgeber verlangt heute sinnlose Präsenzkultur um ihrer selbst willen. Doch wenn Berufseinsteiger direkt nach der Schule oder Universität im ersten Vorstellungsgespräch erklären, sie wollten nur 80 Prozent arbeiten, davon vier Tage im Homeoffice verbringen und ab 16 Uhr für niemanden mehr erreichbar sein, berauben sie sich ihrer eigenen Entwicklung.
Wahre berufliche Souveränität und Disziplin entstehen in drei Schritten:
- Praxis vor Theorie schätzen: Nicht jeder muss sofort in einen Hörsaal strömen; eine fundierte kaufmännische oder handwerkliche Ausbildung vor dem Studium schafft oft eine Bodenhaftung, die reinen Theoretikern ein Leben lang fehlt.
- In Vorleistung gehen: Wer in den ersten Berufsjahren durch Verlässlichkeit, Fleiß und Präsenz im Team beweist, dass man auf ihn zählen kann, erwirbt sich die Freiheit und das Vertrauen für spätere Sonderwege.
- Mut zum Wechsel, wenn der Schuh drückt: Wenn man nach ehrlicher Anstrengung merkt, dass eine Stelle dauerhaft gegen die eigene Identität läuft, darf man nicht zwanzig Jahre bis zur Pensionierung ausharren, sondern muss den Mut aufbringen, das Umfeld rasch zu wechseln.




