Die Frage nach dem „Was wäre gewesen, wenn…“
Wenn ein Flugzeug in Frankfurt startet und der Pilot den Kurskompass zu Beginn des Fluges um nur ein einziges Grad nach Süden oder Norden verstellt, fällt dieser minimale Unterschied auf den ersten fünf Kilometern überhaupt nicht auf. Nach zehntausend Flugkilometern landet die Maschine jedoch auf einem völlig anderen Kontinent. Exakt nach dieser geometrischen Gesetzmäßigkeit verlaufen menschliche Biografien und unternehmerische Karrieren.
Als ich am Rande eines Vorbereitungstrainings für die Mentor Stiftung von Fabian interviewt wurde, stellte er mir gleich zu Beginn die zentrale Frage: Warum engagiere ich mich heute neben meiner Tätigkeit als Unternehmer und Berater so leidenschaftlich als Mentor für junge Menschen?
Meine Antwort entspringt direkt meiner eigenen, schmerzhaften Lebensgeschichte. Ich habe in meinen frühen Zwanzigern einen massiven Irrweg eingeschlagen, bin als Drogenkurier verhaftet worden, war ganz tief am Boden zerstört und habe fast sieben Jahre meiner besten Lebenszeit hinter französischen und deutschen Gefängnismauern verloren. Während dieser langen Jahre des Nachdenkens und des anschließenden Wiederaufbaus stellte ich mir immer wieder eine einzige Frage: Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wenn ich damals in der Pubertät und in meinen prägenden jungen Jahren einen erfahrenen Mentor an meiner Seite gehabt hätte?
Nicht jemanden, der mit erhobenem Zeigefinger moralische Predigten hält, sondern ein echtes Vorbild mit Lebenserfahrung, das mir in den entscheidenden Schlüsselmomenten eine andere Perspektive aufgezeigt hätte. Oft reicht ein einziger Satz zur richtigen Zeit, an den sich ein junger Mensch im Moment der Versuchung erinnert („Moment mal, da habe ich doch mal etwas gehört…“), um die Weiche um genau jenes eine Grad zu verstellen, das über Gefängniszelle oder Hörsaal, über Insolvenz oder Marktführerschaft entscheidet.
Der größte Irrtum über Mentoring: Ein Mentor ist kein Diktator
Heute habe ich das große Glück, selbst von herausragenden Mentoren umgeben zu sein – und gleichzeitig als Mentor für Unternehmer, Führungskräfte und Jugendliche zu wirken. Dabei begegnet mir im Markt immer wieder ein fundamentales Missverständnis darüber, was gutes Mentoring im Bereich Leadership und Self-Leadership eigentlich leistet.
Viele Menschen glauben fälschlicherweise, ein Mentor sei eine Art allwissender Guru, der seinem Schützling das Denken abnimmt und ihm diktiert, welchen Schritt er als Nächstes zu tun hat. Das wäre jedoch keine Entwicklung zur Eigenverantwortung, sondern neue Unmündigkeit.
Im Gespräch mit Fabian habe ich meine eigene Arbeitsweise mit meinen Mentoren präzise beschrieben:
Im Alltag eines Geschäftsführers oder Inhabers ist genau diese ungefilterte Ehrlichkeit ein extrem seltenes Gut. Mitarbeiter sagen dem Chef oft das, was er hören möchte, weil sie ihre Karriere schützen wollen. Freunde und Familienmitglieder schonen einen aus Zuneigung oder bewerten unternehmerische Risiken aus ihrer eigenen Sicherheitsbrille. Ein starker Mentor hingegen hat keine Angst davor, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, blinde Flecken aufzudecken und vor einer drohenden Fehlentscheidung rechtzeitig den Finger in die Wunde zu legen.
Warum man niemals ein Level erreicht, auf dem man keinen Mentor mehr braucht
Fabian stellte mir im Interview noch eine zweite, extrem spannende Frage: „Erreicht man im Leben oder im Business irgendwann ein Level, auf dem man ausgelernt hat und keinen Mentor mehr braucht?“
Meine Antwort darauf lautet aus tiefster Überzeugung: Nein, dieses Level werde ich in meinem Leben niemals erreichen – und ich will es auch gar nicht erreichen.
Wer glaubt, er wisse bereits alles und brauche niemanden mehr, der sein Denken herausfordert, hat den ersten Schritt zum eigenen Abstieg bereits getan. Interessant ist dabei vor allem, wie sich die Rolle des Mentors im Laufe eines Lebens wandelt:
- Heute lerne ich von den Lebenserfahrenen: Aktuell arbeite ich bewusst mit Mentoren zusammen, die mir zwanzig oder dreißig Jahre an Lebens- und Wirtschaftserfahrung voraushaben, weil sie Stürme bereits durchsegelt haben, die noch vor mir liegen.
- Morgen lerne ich von den Jüngeren: Ich weiß jedoch heute schon ganz genau, dass sich dieses Verhältnis in einigen Jahren drehen wird. Dann werde ich mir gezielt deutlich jüngere Mentorinnen und Mentoren an meine Seite holen – Menschen am Puls der neuesten Technologie, der künstlichen Intelligenz und des gesellschaftlichen Wandels –, um die Welt durch ihre Augen zu verstehen. Selbst heute nehme ich aus jedem einzelnen Gespräch mit Jugendlichen wertvolle Impulse für mein eigenes Mindset mit.
Im Grunde funktioniert ein guter Mentor wie eine persönliche, hochintelligente Suchmaschine für das echte Leben. Wenn man heute im Alltag einen Begriff oder einen Fakt nicht kennt, zückt man ohne falsche Scham das Smartphone und fragt Google. Warum sollte man also aus falschem Stolz zögern, bei den wichtigsten Weichenstellungen des eigenen Unternehmens oder Lebens einen Menschen zu konsultieren, der die Antwort bereits aus eigener Erfahrung kennt?
Drei Lektionen für den strategischen Einsatz von Mentoren
- Der Ein-Grad-Hebel wirkt präventiv am stärksten: Man holt sich einen Mentor nicht erst dann, wenn das Unternehmen bereits brennt oder das Leben vor den Trümmern steht, sondern vorher – um die teuren Umwege gar nicht erst gehen zu müssen.
- Ehrliche Reibung suchen statt Schmeichelei: Ein Berater, der einem immer nur nach dem Mund redet, ist sein Geld nicht wert. Der wahre Wert eines Mentors bemisst sich daran, wie unbestechlich er die eigene Strategie hinterfragt und auf Disziplin und Konsequenz pocht.
- Ego ablegen und lebenslang Schüler bleiben: Ob man von einem siebzigjährigen Alt-Unternehmer über Krisenfestigkeit lernt oder von einem zwanzigjährigen Digital-Pionier über neue Medien – wahre Größe zeigt sich in der Bereitschaft, in jedem Lebensabschnitt dazuzulernen.




