Schneller anhören spart Zeit. Vertont durch Vavene Vocalis (Marcos KI-Stimme)
0:00 0:00

Der Irrglaube vom einsamen Wolf

In der Geschäftswelt – besonders unter jungen Gründern und ehrgeizigen Führungskräften – hält sich hartnäckig der romantische Mythos des „einsamen Wolfs“: Man glaubt, man müsse jedes Problem im Alleingang lösen, dürfe niemals um Rat fragen und müsse sich durch jedes unbekannte Terrain ohne fremde Hilfe hindurchkämpfen.

In meiner Zeit im französischen Strafvollzug habe ich gelernt, dass dieser Stolz in einer echten Extremsituation lebensgefährlich ist. Schon in meinen ersten vierzehn Tagen im Zugangsflügel (Arrivant) des Pariser Großgefängnisses Villepinte verdankte ich mein unversehrtes Überleben einem hafterfahrenen georgischen Zellengenossen. Er sah sofort, dass ich als zwanzigjähriger Deutscher zum ersten Mal im Leben hinter Gittern saß, und wies mich ruhig in die ungeschriebenen Gesetze ein: wie man das Bettlaken an den vier Ecken verknotet, damit es auf der nackten gelben Schaumstoffmatratze hält; warum man beim Hofgang niemals allein in der Mitte läuft, sondern den Rücken an der Mauer sichert; und warum man beim Gang in die Gemeinschaftsdusche immer zu zweit auftritt, damit einer vor der Kabine Wache hält.

Doch die tiefgreifendste Prägung meiner gesamten französischen Haftzeit begann erst sechs Monate später, als ich in das Provinzgefängnis Saint-Mihiel verlegt wurde und dort auf Miki traf.

Miki aus Ungarn: Zwei Jahre an der Seite eines Ziehvaters

Miki war ein deutlich älterer, lebenserfahrener Ungar, der bereits viele Jahre hinter sich hatte und die Psychologie geschlossener Systeme bis ins kleinste Detail durchschaute. Als er sah, dass ich weder jammerte noch Drogen anrührte, sondern jeden Tag fleißig Französisch lernte und meine Arbeit erledigte, nahm er mich unter seine Fittiche. Über zwei Jahre hinweg wurde Miki für mich weit mehr als ein Kollege auf dem Stockwerk – er wurde mein engster Mentor und eine Art Ziehvater.

Gemeinsam bildeten wir das Hausarbeiter-Duo (Auxis) für unseren zweistöckigen Flügel. Jeden Mittag teilten wir zusammen das Essen aus, hielten den gesamten Trakt, die Duschen und die kleine Stationsküche blitzsauber und gingen jeden Nachmittag Seite an Seite zum Sport. In diesen 730 gemeinsamen Tagen brachte mir Miki zwei fundamentale Dinge bei: wie man sich selbst unter härtesten Bedingungen ein Leben in Würde erschafft – und wie man sich dauerhaften Respekt unter schwierigen Charakteren erarbeitet.

Würde aus dem Nichts: Haluschki, die heiße Kasserolle und das selbstgenähte Kissen

Viele Gefangene ließen sich in ihrer Zelle komplett gehen, aßen lieblos aus der Blechschale und liefen in zerknitterter Kleidung herum. Miki zeigte mir, dass äußere Selbstachtung die Grundlage für innere Stärke und Self-Leadership ist – völlig unabhängig davon, wie karg die Mittel sind:

  • Kulinarische Meisterschaft auf zwei Herdplatten: In unserer winzigen Stationsküche zeigte mir Miki, wie man mit einfachsten Zutaten aus dem Gefängniseinkauf (Cantine) hervorragend kocht. Er brachte mir bei, wie man aus Mehl, Wasser, Weißkraut und angebratenen Würstchen traditionelle ungarische Haluschki zubereitet, wie man kräftige Hühnersuppen mit Paprika ansetzt und Reisgerichte so würzt, dass der gesamte Flügel danach duftete.
  • Bügeln ohne Bügeleisen: Da echte Bügeleisen aus Sicherheitsgründen streng verboten waren, lehrte mich Miki einen genialen Kniff: Wir erhitzten kochendes Wasser in einem Stieltopf (Kasserolle) mit glattem Metallboden und bügelten damit unsere T-Shirts und Hosen auf dem Tisch so präzise, als kämen sie frisch aus der Reinigung, bevor wir sie auf den Millimeter genau falteten.
  • Das ergonomische Kopfkissen aus Schaumstoff-Schnipseln: In den Zellen gab es statt eines normalen Kopfkissens lediglich eine steinharte, runde Nackenrolle aus festem Schaumstoff, auf der man kaum schlafen konnte. Eines Tages sagte Miki zu mir: „Komm, wir bauen dir ein richtiges Kissen.“ Wir schnitten den harten Schaumstoffkern in tausende winzige Würfelchen, nähten aus einem sauberen Leintuch von Hand einen Bezug und füllten die Flocken hinein. Plötzlich besaß ich ein weiches, formbares Kopfkissen.

Die Lektion über Respekt: Vom „kleinen Lauch“ zum Handschlag der Bosse

Noch wertvoller als diese praktischen Überlebenskünste war jedoch Mikis strategische Schulung in Sachen Leadership und Menschenführung. Wenn auf dem Stockwerk Konflikte schwelten, regulierte Miki mein Temperament wie ein erfahrener Thermostat: Dort, wo ich zu gutmütig war, mahnte er mich zu sofortiger Härte; dort, wo ich überzureagieren drohte, bremste er mich mit kluger Weitsicht.

Nach über einem Jahr hielt er mir eines Nachmittags nach dem Training einen Spiegel vor, der mein Verständnis von Autorität für immer geprägt hat. Er unterschied scharf zwischen Angst-Respekt (den man durch bloße Gewalt erzwingt und sofort verliert, sobald ein Stärkerer den Raum betritt) und Leistungs-Respekt, der aus Charakter und Beständigkeit wächst:

„Marco, schau dich mal an: Als du hier ankamst, warst du ein schmaler Kerl mit 57 Kilo, der kein Wort Französisch konnte. Heute sprichst du die Sprache fließend, machst deine Schulabschlüsse, wiegst über 80 Kilo und hältst immer dein Wort. Genau deshalb kommen heute beim Sport selbst die großen Bosse zu dir herüber und geben dir von sich aus die Hand.“

Drei Lektionen über die Kraft echter Mentoren

  1. Ein Mentor spart Jahre voller schmerzhafter Irrtümer: Ob im Gefängnis oder beim Aufbau einer Firma – wer von jemandem lernt, der das Terrain bereits gemeistert hat, umgeht Fallen, die man allein erst nach teuren Niederlagen erkennen würde.
  2. Qualität beginnt im Kleinen: Wer seine Kleidung mit einer heißen Kasserolle bügelt und seine Zelle in Ordnung hält, beweist, dass Exzellenz keine Frage des Budgets ist, sondern eine Frage der inneren Werte.
  3. Echter Respekt wird verdient, nicht gefordert: Menschen achten auf Dauer nicht denjenigen, der am lautesten brüllt, sondern denjenigen, der Tag für Tag an sich arbeitet, Disziplin vorlebt und verlässlich liefert.
Medien-Perspektive: Die tiefgreifenden Lehren aus sieben Jahren Haft und echter Verantwortungsübernahme thematisierte auch das renommierte Talkformat SWR Nachtcafé («Mein Leben nach dem Verbrechen» auf der Presse-Seite), in dem ich als Gast über meinen Weg sprach.

Dein nächster Schritt

Versuchst Du in Deinem Business noch immer, jede Hürde im Alleingang als „einsamer Wolf“ zu nehmen – oder nutzt Du bereits den enormen Hebel eines erfahrenen Mentors, der Deine blinden Flecken sofort erkennt? Im P.E.R.L.S.-System gebe ich heute genau jene Klarheit, Struktur und Rückendeckung weiter, die mir einst den Weg geebnet haben.

  • Sieh Dir das komplette Gespräch an: Die ausführliche Podcast-Folge über meine Zeit in Frankreich und meinen Mentor Miki findest Du hier auf YouTube.
  • 1:1 Executive Mentoring: Wenn Du einen echten Sparringspartner an Deiner Seite suchst, informiere Dich über meine Marco Deutschmann LTD., besuche meine Seminare oder buche Dein persönliches Gespräch auf der Mentoring-Seite.
Marco Deutschmann

Marco Deutschmann

Marco Deutschmann, Gründer des P.E.R.L.S.© Education Systems.
Executive Mentoring | Consulting | Keynotes