Der Oberstufen-Duden am Badewannenrand
Wenn ich Gesprächspartner für meinen UNCUT-Podcast besuche, fallen mir oft kleine Details im Raum auf, die mehr über den Charakter eines Menschen verraten als jeder Lebenslauf. Als ich bei Sinan Mora in Konstanz zu Gast war und kurz das Badezimmer betrat, blieb mein Blick an einer ungewöhnlichen Lektüre hängen: Direkt am Rand der Badewanne lagen ein dicker Oberstufen-Duden und mehrere Fachbücher zur deutschen Sprache.
Sinan war im ländlichen Pfullendorf im Kreis Sigmaringen aufgewachsen, hatte die Schule zunächst ohne hohen Abschluss verlassen und sich später aus eigener Kraft über den zweiten Bildungsweg und eine kaufmännische Ausbildung bis zum Filialleiter und selbstständigen Kaufmann hochgearbeitet. Noch heute nutzt er jede freie Minute – selbst in der Badewanne –, um seinen Wortschatz zu schärfen und seine Ausdruckskraft zu verfeinern.
Aus dieser Entdeckung entwickelte sich in unserem Podcast ein tiefgehendes Gespräch über die zwei Seiten wahrer Rhetorik und Kommunikation: Wie spricht man mit anderen Menschen so, dass echte Verbindung entsteht? Und wie spricht man im Stillen mit sich selbst, wenn es im Leben hart auf hart kommt?
Der Akademiker und der Bauarbeiter: Wer trägt die Pflicht zur Brücke?
In meinen Rhetorik-Seminaren stelle ich Führungskräften oft eine klassische Frage: Wenn ein promovierter Akademiker und ein einfacher Bauarbeiter aufeinandertreffen, aneinander vorbeireden und schließlich frustriert auseinandergehen – wer von beiden trägt die Verantwortung für das Scheitern des Gesprächs?
In fast jedem Saal gehen sofort die Hände hoch, und man hört die politisch korrekte Standardantwort: „Natürlich beide zu fünfzig Prozent! Zur Kommunikation gehören schließlich immer zwei.“
Meine Antwort lautet: Falsch. Die Verantwortung liegt zu 100 Prozent bei demjenigen, der über das größere sprachliche und kognitive Repertoire verfügt. Warum? Der Bauarbeiter hat das akademische Vokabular nie gelernt; er kann nicht mal eben auf die abstrakte Universitäts-Ebene hochsteigen. Der Akademiker hingegen beherrscht sowohl die komplexe Fachsprache als auch die einfache, klare Alltagssprache. Wenn er sich weigert, von seinem hohen sprachlichen Ross herabzusteigen, benutzt er seine Bildung nicht als Brücke, sondern als Mauer zur Selbsterhöhung.
Ich veranschauliche dieses Prinzip gerne mit dem Bild eines Erwachsenen und eines sechsjährigen Kindes an einer stark befahrenen Straße: Wenn der Erwachsene mit dem Kind am Zebrastreifen steht, marschiert er auch nicht im Stechschritt voraus und ruft über die Schulter: „Schau halt selbst, wie du über die vierspurige Kreuzung kommst!“ Er beugt sich hinunter, nimmt das Kind an die Hand, zeigt ihm geduldig den Blick nach links und rechts und führt es sicher auf die andere Straßenseite.
Genau das ist die Pflicht jeder echten Führungskraft (Leadership): Wer wirklich souverän ist, muss niemandem mit gestelzten Fremdwörtern oder englischem Berater-Jargon beweisen, wie klug er ist. Wahre rhetorische Meisterschaft zeigt sich darin, komplexe Sachverhalte so glasklar, bildhaft und herzlich auszudrücken, dass sich jeder Gesprächspartner – vom Vorstand bis zum Lehrling – sofort verstanden und respektiert fühlt.
Die Falle der inneren Rhetorik: Warum „Ich darf“ den Erfolg sabotiert
Im zweiten Teil unseres Gesprächs fiel mir bei Sinan jedoch ein sprachliches Muster auf, das heute in der gesamten Coaching- und Persönlichkeitsbranche wie eine Epidemie um sich greift. Immer wenn Sinan über seine künftigen Ziele, seine finanzielle Sanierung oder seinen Neustart sprach, benutzte er Formulierungen wie: „Ich darf jetzt wieder lernen, auf mich zu achten“ oder „Ich darf mein neues Geschäft Schritt für Schritt aufbauen.“
Ich unterbrach ihn mitten im Satz und hielt ihm den rhetorischen Spiegel vor: Was macht das Wort „Ich darf“ mit dem menschlichen Unterbewusstsein?
Oberflächlich klingt „Ich darf“ sanft, achtsam und positiv. Psychologisch und neurologisch ist es in einer Krise jedoch pures Gift:
- Die eingebaute Hintertür: Wer sagt „Ich darf heute ins Training gehen“ oder „Ich darf heute meine Buchhaltung ordnen“, behandelt seine dringendste Pflicht wie ein unverbindliches Freizeitangebot. Denn alles, was man darf, darf man im Zweifel auch bleiben lassen, sobald es regnet oder die Couch bequemer ist.
- Das Überholmanöver auf der Landstraße: Wenn man mit dem Auto oder dem Motorrad auf der Landstraße zum Überholen eines Lastwagens ansetzt und plötzlich Gegenverkehr auftaucht, sagt man sich auch nicht entspannt: „Ich darf jetzt vielleicht ein bisschen beschleunigen oder bremsen.“ Man trifft eine kompromisslose Entscheidung, weil das Überleben davon abhängt.
Drei Lektionen für kraftvolle Sprache nach außen und innen
- Verständlichkeit schlägt Eitelkeit: Wer den Duden liest, erweitert seinen geistigen Horizont; wer dieses Wissen klug einsetzt, spricht im Alltag dennoch so einfach und menschlich, dass er jedes Gegenüber genau dort abholt, wo es steht.
- Positives Menschenbild als Fundament: Wie Sinan im Gespräch treffend ergänzte, spürt jeder Gesprächspartner innerhalb von Sekunden, ob man ihn innerlich abwertet oder ihm mit echter Wertschätzung begegnet. Rhetorische Technik ohne ehrliches Interesse bleibt hohles Blech.
- Klare Befehlssprache im Self-Leadership: Im Self-Leadership entscheidet die Schärfe der eigenen Worte über die Schärfe des eigenen Handelns. Wer weiche Konjunktive („Ich würde, könnte, dürfte“) aus seinem Wortschatz streicht und durch verbindliche Zusagen an sich selbst ersetzt, programmiert seinen Geist auf Umsetzung.




