Das Phänomen an der Türklinke der Sporthalle
Jeder Leistungsträger, Unternehmer oder Trainer kennt diese rabenschwarzen Tage, an denen sich der eigene Körper anfühlt wie Blei. Man wacht morgens mit leichtem Fieber oder pochenden Kopfschmerzen auf, die Bandscheibe im unteren Rücken zwickt, jedes Gelenk schmerzt, und der innere Schweinehund flüstert ununterbrochen: Bleib heute einfach im Bett liegen, sag alles ab. Hätte man an einem solchen Tag nur eine Verabredung mit sich selbst – etwa für ein einsames Lauftraining im Wald –, würden neun von zehn Menschen tatsächlich auf dem Sofa bleiben.
Doch was passiert, wenn auf der anderen Seite einer Tür dreißig Menschen stehen, die sich auf einen verlassen?
Als ich in Esslingen am Neckar mit dem Sporttherapeuten und Taekwondo-Schulleiter Lukasz Mulas für mein Format UNCUT zusammensaß, kamen wir genau auf dieses rätselhafte Phänomen des menschlichen Energiehaushalts zu sprechen. Lukasz, der seit 37 Jahren im Kampfsport steht und in seiner Schule sechsmal pro Woche selbst auf der Matte unterrichtet, beschrieb mir seine eigene Erfahrung mit verblüffender Offenheit:
Als Lukasz das schilderte, musste ich sofort schmunzeln: „Herzlich willkommen beim Adrenalin – denn in diesem Moment bist du für andere da, und es geht nicht mehr um dich.“
Der evolutionäre „Tribe-Mechanismus“: Warum die Natur Verantwortung belohnt
Was Lukasz an der Tür seines Dojos erlebt – und was ich selbst vor jedem großen Bühnenauftritt, jedem Seminar und jedem intensiven Mentoring-Tag exakt genauso spüre –, hat nichts mit Einbildung oder Esoterik zu tun. Es ist knallharte, über Jahrmillionen gewachsene Evolutionsbiologie.
Im Gespräch ordnete ich diese Beobachtung aus Sicht der menschlichen Stammesgeschichte ein:
Stellen wir uns einen steinzeitlichen Stamm vor zehntausend Jahren vor: Wenn der Anführer, der Späher oder die Mutter bei den ersten körperlichen Schmerzen einfach im Zelt liegen geblieben wäre, wäre die gesamte Gruppe verhungert oder Raubtieren zum Opfer gefallen. Deshalb hat die Evolution unser Hormon- und Nervensystem mit einem Notfall-Booster ausgestattet: Sobald unser Gehirn registriert, dass andere Menschen – Kinder, Schüler, Teammitglieder oder Kunden – unmittelbar auf unsere Führung und Präsenz angewiesen sind, schüttet das System einen Cocktail aus Adrenalin, Noradrenalin und Endorphinen aus. Dieser biochemische Schutzschild dämpft das eigene Schmerzempfinden temporär herunter und schaltet Kraftreserven frei, auf die wir für rein eigennützige Zwecke niemals Zugriff hätten.
Warum reine Ego-Unternehmer ausbrennen – und Sinn-Unternehmer aufblühen
Überträgt man dieses biologische Gesetz auf das moderne Unternehmertum (Entrepreneurship) und die Persönlichkeitsentwicklung (Self-Leadership), erklärt sich schlagartig, warum heute so viele finanziell erfolgreiche Gründer und Manager in tiefe Erschöpfungskrisen stürzen.
Viele starten ihr Business ausschließlich mit Ego-Motiven: die erste Million auf dem Konto, die teure Uhr am Handgelenk, der Sportwagen in der Garage oder der Status im Freundeskreis. Auf den ersten Metern funktioniert dieser Treibstoff – doch das eigene Ego ist biologisch gesehen ein miserabler Langstrecken-Energielieferant. Sobald das Auto in der Einfahrt steht oder die erste schwere Marktkrise mit monatelangem Gegenwind aufzieht, stellt das Unterbewusstsein die Sinnfrage: Wofür quäle ich mich hier eigentlich jeden Morgen um sechs Uhr aus dem Bett? Wenn die einzige Antwort lautet „Damit mein eigenes Bankkonto noch eine Null mehr bekommt“, verweigert die Biologie den Dienst. Man fühlt sich leer, ausgebrannt und chronisch müde.
Blickt man hingegen auf Lukasz Mulas in seiner Esslinger Kampfsportschule, sieht man das exakte Gegenmodell. Für ihn sind die Kinder im Training wie „Rohdiamanten, die man Tag für Tag und Woche für Woche schleifen darf“. Er sieht, wie ein schüchternes Kind (genau wie er selbst einst als Sechsjähriger, als ihm seine Grundschullehrerin Taekwondo empfahl, um Selbstvertrauen aufzubauen) plötzlich aufrecht steht, Grenzen lernt und über sich hinauswächst. Als ich ihn fragte, was passieren würde, wenn er seine Schule morgen schließen müsste, antwortete er ehrlich, dass er sich das überhaupt nicht vorstellen könne, weil diese Aufgabe keine bloße Gelddruckmaschine ist, sondern ein Teil seiner Identität.
Drei Lektionen für unerschöpfliche Lebens- und Führungsenergie
- Das eigene „Warum“ vom Ego auf den Beitrag verlagern: Wer dauerhaft hohe Disziplin und Energie abrufen will, muss sein Handeln an einen Zweck koppeln, der größer ist als die eigene Bequemlichkeit. Sobald ein Unternehmer weiß, dass seine Arbeit das Leben seiner Kunden und die Existenz seiner Mitarbeiter real verbessert, greift der biologische Tribe-Booster.
- Verbindlichkeit durch soziale Verantwortung schaffen: An Tagen, an denen die eigene Motivation schwächelt, hilft das Bewusstsein, dass andere auf einen zählen. Ein starker Leader drückt sich die Hallentür genau deshalb auf, weil er sein Team nicht im Stich lässt.
- Echten Fortschritt am Menschen feiern: Wie in einem echten Aufbauspiel entsteht die tiefste Dopamin-Belohnung im Leadership dann, wenn man sieht, wie Mitarbeiter, Mentees oder Schüler durch die eigene Anleitung Woche für Woche wachsen und stärker werden.




